Mittwoch, 1. Dezember 2010

Aus der Geschichte der 43. FRBr ( Folge 16 )



















Vorbemerkung :

Im Rahmen der Vorbereitungen unserer Ausstellung " 50 Jahre Garnisonsort Sanitz " waren wir am 26.11.2010 in Pinnow b. Angermünde, im Amtsbereich Oder - Welse. Der Name dieses Ortes ist geschichtsträchtig für die Fla - Raketentruppen der Luftverteidigung der DDR, er ist ist ein Symbol - aber er steht nicht nur für Beginn, für Historie, für Legenden und für ein Ende. Es gibt noch einiges, was gegenwärtig ist, so das " Telefon - und Raketenmuseum Pinnow ". Wir haben es besucht und fanden eine interessante und erhaltenswerte Ausstellung vor. Als Dank für das Engagement übergaben wir ein Exemplar des im Oktober erschienenen Buches " Die Fla - Raketentruppen der Luftverteidigung der DDR ", Autoren B. Biedermann & S. Horst. Ein Foto mit dem Wappen der 43. FRBr hatten wir mitreingelegt. Über unseren Besuch wird es noch einen gesonderten Beitrag geben ...

Aber zurück zu unseren aktuellen FOLGEN " Aus der Geschichte der 43. FRBr ". Wir bleiben in Barth, in der Fla - Raketenabteilung 4322. Diesmal hat uns Detlef Merten geschrieben, hier der Teil I seines Erinnerungsberichtes mit dem Thema " Resi Otto " :

" Meine Geschichte ist die eines Gefreiten der Reserve, der in der 43. Fla – Raketenbrigade gedient hat. Zunächst als Wehrpflichtiger von 1981 - 1982 in der FRA 4322 in Barth und dann als Reservist 1986 auf dem GS - 43. FRBr in Rövershagen. Als Planzeichner und als „ Otto „, nicht als Detlef Merten. Ich bin 1982 zusammen mit unserem Kommandeur, Oberst Peter Prottengeier, nach Hause gegangen – wie man so schön sagt. Ich würde jederzeit wieder dort und „ unter „ ihm dienen. Hier also meine Erinnerungen und Erlebnisse, aufgeschrieben aus meiner Sicht, der Sicht eines Soldaten :

Am 06.05.1980 ...
begann ein neuer Zeitabschnitt in meinem bisherigen Leben : die Einberufung zur NVA wurde Wirklichkeit. Es ging zuerst nach Magdeburg, von dort aus im Zug weiter Richtung Rostock - Sanitz. Um 03.30 Uhr in der Frühe Einkleidung und ab zur A – Kompanie nach Abtshagen, in die Fla – Raktenabteilung 4321. Dort könnten wir ersteinmal ausschlafen – sagte man uns. Angekommen, erfolgte die Aufteilung auf die Stuben mit anschließendem groben Einräumen der Spinde. Zwei Mann und ein Spind. Komisch, dachte ich, wie das alles so reinpaßt. Nach 20 min hieß es dann aber „ Alles Raustreten ! „. Von wegen schöner Schlaf, Hunger hatten wir inzwischen auch. Endlich Essenfassen, dann folgten Besichtigungen, Einweisungen usw. Am 20.05. wurde ich 24 Jahre, war damit „ der Alte „ unter meinen Mitstreitern. Die aber auch nun dachten, dem zeigen wir es mal beim Frühsport. Ich hatte auf dem Bohrturm gelernt und gearbeitet bis zur Einberufung, das bedeutete körperlich schwere Arbeit. Nachdem ich beim Frühsport 60 Liegestütze und 25 Klimmzüge vorgelegt hatte, war man anschließend etwas zurückhaltender.

Die Grundausbildung war hart. Als wir einmal nach 3 km Marsch unter „ Schutz „ noch das Lied sangen, „ Wir sind die Moorsoldaten … „, gab es richtig Feuer unterm Hintern – wie man so schön sagt. Ca. 2 1 / 2 Wochen waren gerade vorbei, da begann eine Auswahl für den anschließenden Einsatz, es wurden u.a. Planzeichner ausgesucht. Ich dachte, sofort melden und ab, schlimmer als die Ausbildung hier kann es auch nicht mehr werden. So kam ich nach Dänschenburg bei Sanitz, zum Wechselgefechtsstand. Dort war auch OSL Spakowski, der war allerdings mit Vorsicht zu genießen. Die Ausbildung zum „ Plani „ war interessant und gefiel mir. Also, dieser Posten ist der richtige für mich, dachte ich. Wären da nur nicht jeden Morgen die Millionen von blutgierigen Mücken gewesen, die nicht einmal vor den „ Karo`s „ Angst hatten ! Die Zeit ging schnell vorbei, auch „ Spaki „ war am Ende etwas zahmer - wenn man als Soldat etwas konnte.

Auf ging es nach Barth in meine neue Heimat - ich wurde als Planzeichner in die FRA 4322 versetzt. Ich kam mit der Aufgabe gut zurecht, mußte sogar meinen vorgesetzten Unteroffizier im Luftlagelesen unterstützen. Die Zulassung zum DHS erhielt ich recht schnell, da gab es mehr „ Kohle „ und eine extra Verpflegungszulage. Einmal hatte der Koch den Pudding vergessen, da jagte der Diensthabende den Vergesslichen zurück, er mußte zu Fuß mit dem Handwagen und dem Pudding die 3 km Strecke des Stellungsweges zurücklegen. Sonst hatte man eigentlich mehr Ruhe als im A – Objekt, wenn nur nicht immer dieser " Ochse " brüllen würde ...

Ich hatte mich also schnell eingelebt und es war angenehm in der Runde. Manch ein Schießender ( diensthabender Kommandeur ) bedankte sich bei mir unauffällig mit einer Vita - Cola mit „ Schuß „, wer hätte das gedacht von den Höheren .... Ich meine, mit dem Klaren darin. Ein Erlebnis : es war 1980, als ein Kubaner ( war es Fidel Castro ? ) über Rügen mit einem Fluzeug unterwegs war, der Flug mußte entsprechend abgesichert werden. Hptm. Peters ließ mich in Trainingshose mit einem Multicar ins B1 – Objekt holen, hinter der Karte stand schon der Kaffee bereit ! Dann die Luftlage bei „ Protti „ auf dem Brigadegefechtsstand mit „ Sehr gut „ abgemeldet. Anschließend gab es ein Päffchen, also eine Zigarette. Als Plani mußte man schon etliche Indexe und Codes auswendig kennen, zur Abnahmeprüfung der Quali - Spange, also des Klassifizierungsabzeichens, mußte ich extra nach Rövershagen zum Gefechtsstand der Brigade, zu OSL Spakowski.

Im Diensthabendem System ( DHS ) ...
DHS hatte ich 2 x am Tag, von 07.00 – 10.00 Uhr und von 19.00 – 22.00 Uhr. Auf dem Gefechtsstand war man immer auf dem laufenden. Hinter der Karte waren die Kopfhörer, eine Muschel mit Daten zur Luftlage, die andere mit Musik. Vom Uffz. Pockrand aus dem Funkerraum, natürlich inoffiziell und heimlich. So konnte man es bei Manövern und längeren Luftlagen besser aushalten. Den Dienst - egal, ob er über 30 oder 40 Tage ging - versuchte ich immer so hinzukriegen, dass ich Konzerte von Bands wie „ Silly „, „ Karat „ oder“ City „ in Barth besuchen konnte. Ach so, die Zivilsachen hatten wir im Dienstzimmer des Kompaniechefs, Oblt. Bohm. Ein dufter Kumpel, der dafür aber auch was verlangte im Dienst. Er hatte u.a. einen ausgeprägten Geruchssinn : er roch den im Paket evtl. versteckten Fusel, selbst in zugedrehten Büchsen. Danach hieß es : um 17.00 Uhr auf dem Dienstzimmer melden ! Er gab „ kontrolliert „ aus. Einer, mit dem man Pferde stehelen konnte, aber wie bereitsgesagt, im Dienst 100 % !

Wache schieben war auch angesagt, auch wenn ein E – Zaun und Licht – Schranken um das B – Objekt gezogen waren. Das wurde einmal Stfw. Damaschke als OvD zum Verhängnis, als er bei einer Postenkontrolle sozusagen von hinten geheimnisvoll durch den Wald angeschlichen kam. Von seinem Gehilfen hatte er aber das falsche Kennwort erhalten und konnte so bei der Anfrage “ ... Halt ! Parole ! „ sich nicht ordnungsgemäß ausweisen. Es dauerte eine Weile, bis ihn der Diensthabende des Gefechtsstandes dann aus seiner mißlichen Erd - Lage befreite. Das hatte er nun von seiner Hinterlistigkeit … Man mußte ja auch etwas Spaß haben bei der ganzen Sache.

Ich erlebte in der Zeit im DHS viele Kontrollen, auch Generäle wie Trautsch, Reinholdt, Oldenburg. Der Kommandeur, Maj. Gerling, hatte mir einmal Sonderurlaub gegeben, ich mußte aber kurz danach bei einem 3 – tägigen Manöver fast ganz allein hinter der Luftlagekarte sitzen und habe in einer kurzen Pause nicht den „ Ochsen „ gehört. Das war's gewesen … Dafür wurde ich aber an einer anderen Stelle vorzeitig zum Gefreiten befördert !
Eine andere Episode war die Wette mit Obltn. Sowieso, dass ich es nicht schaffen würde, die VS – Fächer mit einer Nagelfeile zu öffnen und dann noch in 30 min. Ich gewann die Wette und es gab anschließend im Stab Überlegungen, wie was zu verändern wäre. Oder auch mit Hptm. Peters : er hatte so seine Schwierigkeiten als „ Schiessender „, ich half ihm einigemale mit Antworten in Spiegelschrift aus der Patsche, dafür gab es als Dank auch schon eine „ Goldkrone „.

Dann kam die Verlegung nach Lieberose ...
Es ging ins Feldlager und begann mit einer Nachtverlegung zum Verladegleis in Tannenkrug, einem Ortsteil von Barth. Einige Abschlepper schon von der Dienststelle aus und zwei Plankenfahrten bei den KRAZ und URAL, sonst alles ohne Vorkommnisse. Nachts um 03.00 Uhr kam der Pfiff, es ging ab Richtung Frankfurt / Oder. Als Soldat im 1. DHJ hatten wir natürlich unsere Aufgabe im Waggon, die hieß schlicht und einfach : Bude warm kriegen und warm halten. Die „ E's „ wollten ja nicht frieren … In Frankfurt gab es einen Zwischenhalt und wir machten eine Stadtbesichtigung. Am 2. Tag ging es weiter nach Lieberose. Kurz davor hieß es absitzen, dann Alarm und vollständige Schutzausrüstung anlegen. Ein Fußmarsch von 8 km bei ca. 30 ° C mit verschiedenen Einlagen sollte folgen. Eine „ Einlage „ werde ich nie vergessen : unser Kommandeur, also Maj. Gerling, war etwas beleibt und nach einigen Kilometern wollte er sich Erleichterung verschaffen, indem er den Filter von der Atemschutzmaske abschraubte. Das sah unser überaus korrekter und konsequenter Stabchef, Maj. Marschall. Er brüllte den Kommandeur an : „ Von den Jungs verlangen Sie alles und Sie selbst, Sie als Kommandeur ? Hoffentlich haben Sie bald Schutz auf ! „ Ein toller Kerl, unser Stabchef !

Am Ende der Strecke wartete noch die komplette Entaktivierung auf uns, wir haben geschwitzt wie sonst was, das Wasser lief uns aus den Stiefeln. Dann ins Kompaniezelt, beim Aufstehen gingen die Unteren ca. 1 m tiefer, das Problem bei den Rundliegen. Spät am Abend ging es in die P – 18 … Die Zielanflüge durch die sowjetischen Piloten gingen bis zu einer Höhe von 30 m, wir dachten, die Kabinen kippen um.

Der Dienst begann ... Vor den Luftlagen mußten die Kabinen abgestimmt werden, das erfolgte durch die Obertechniker bzw. durch die Kabinenbesatzung, z.B. Hptm. Graupner, Maj. Marschall – um nur einige „ Profis „ zu nennen. So geschehen auch an diesem Tag, wo wieder reale Zieldarstellung auf dem Plan stand. Ltn. Tietz hatte nun die glorreiche Idee, kurz vorm „ Kampf „ nochmal alles neu zu regeln. Da die Kabinen nach der Laufzeit warm waren, hatte er aber dadurch alles verstellt, was dann in der Kabine los war, könnt Ihr Euch vorstellen. Der Leutnant durfte nur noch zuschauen. Am nächste Morgen : ...

Wecken !, raus aus unseren „ Betten im Kornfeld „ ... und los ging es zur Schutzausbildung zu Maj. Hultsch. Bei ihm war nun der Kampf gegen Napalm und Gase angesagt, mit Dichtheitskontrollen im Unterstand, immer Gruppenweise. Auch eine Art psychologische Belastungsprobe, die nicht jeder bestand : nach uns wollte einer unbedingt raus, aber „ Millionentod „ Maj. Hultsch hielt die Tür zu. Der Soldat war anschließend fix und fertig, aber lieber Schweiß in der Ausbildung als … Es ging weiter mit Strahlenmessung an der Technik. Stfw. Tolksdorf bestrich Vierlingsraketen mit etwas und wir mußten ran zum Messen, es knisterte ganz schön. Anschließend - da nichts weiter anlag - verkrümelte ich mich Richtung Zelt, was sich als Fehler herausstellen sollte. Als Aufgabe erhielt ich nun, ein Schützenloch mit Stahlhelm auf und Schnuffi an ausheben. Nach einiger Zeit kam der Kompaniechef und meinte, „ Otto, Sie können den Filter von der Maske abdrehen ! „ Otto, so wurde ich immer genannt, der Vorname hat wohl jemanden gefallen und hat sich dann in der Abteilung in Barth so eingebürgert. Worauf ich mit meiner großen Klappe meinte, „ Lassen sie mal Kompaniechef, ich habe schon früher gerne im Sandkasten gespielt .“ Also, weitermachen ...

Es kam der Tag der Waffenbrüderschaft und alles wurde auf Vordermann gebracht, wie man so sagt. Auch das Gefechtsfeld, es wurde geharkt mit einem ca. 4 m langen stabilen Brett incl. eingearbeiteten Nägeln. Ich fragte unseren Spieß, machen wir das auch, wenn der Feind kommt ? Ich sollte dann 3 Tage Wasser und Kohlen schleppen, mußte ich aber nicht bis zuletzt, da Generalmaj. Reinholdt sich angesagt hatte und ich anderweitig gebraucht wurde. Mein vorgestzter Uffz. „ Joppe „ Ullein hatte sich gegen Ende des Feldlagers einen „ Kleinen „ genehmigt, der etwas zu groß geraten war und natürlich Folgen hatte. Ich hatte mitbekommen, dass er degradiert werden sollte und ihm das gesteckt. Und was macht mein Joppe nun ? Er zieht Petschaftsdraht durch die Schulterstücke. Beim Akt der Degradierung holt der Spieß dann das Messer raus und fängt an zu schneiden und bekommt einen roten Kopf – ich dachte, jetzt explodiert der gleich. Uffz. Ullein muß sich die Schulterstücke selbst abnehmen, er heult dabei. Seine Uffz. - Klappen, daran hing er …

Das Feldlager ist Geschichte, wir verlegen nach Barth zurück in unsere Abteilung mit guten Ergebnissen. Jetzt ist Ausgang und Urlaub angesagt – denken wir. Aber Pustekuchen, es ist bereits durchgesickert, dass es bald zu „ Towaritsch „ geht, ins große Land. Die sogenannte Tropenimpfung ( gegen Typhus, Cholera usw. ) in Neubrandenburg ist der nächste Schritt dahin ... " - Fortsetzung folgt !

1 Kommentar:

  1. Hallo Detlef,

    habe deine Geschichte von Barth gelesen und habe mich teileweise wider erkannt. Obltn Bohl wurde zum Hptm befördert. Er war nicht Kompaniechef es wurde der damals hptm Schröder. Leider.
    Ich war damals in der Vermittlung , beim Gefreiten Sandau. Habe dann unter Major Fischer und Hptm Peters der Vermittlungschef gedient.es war eine schwierige aber auch schöne Zeit. Major Pirl war damals RD Chef. Ein Offizier der o.k. war.

    vieleicht kannst dich einmal bei mir melden gruss gerd

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