Freitag, 30. April 2010

" Aus der Geschichte der 43.FRBr " (Folge 9)

Vorbemerkung :

Mit dieser Folge verlassen wir ersteinmal die FRA 4324 in Retschow, um auch über die anderen Fla – Raketenabteilungen zu berichten. Eigentlich war Hans – Ulrich Maynicke der erste aus der Retschower Truppe, der unser Projekt Ausstellung „ 50 Jahre Garnisonsort Sanitz „ mit einem Erinnerungsbericht aus den Anfangsjahren unterstützte. Auch der Ausgangsort Pinnow paßte rein, wir wollten aber unbedingt aktuelle Fotos von den ehemaligen Unterkuftsgebäuden der Kaserne in Pinnow als Beigabe besorgen. Hat bisher nicht geklappt, jetzt kommt dafür Uli ins Bild !

Sein militärische Werdegang begann mit dem Eintritt als Freiwilliger in die NVA am 05.04.1961, mit der Einberufung nach Oranienburg. Dort erfolgte die Grundausbildung, danach die Versetzung zur Uffz. - Schule nach Pinnow, Kr. Angermünde und die Ausbildung an der Fla - Raketentechnik. Ungefähr am 15.12.1962 ging es dann für den Uffz. Maynicke in die im Aufbau befindlichen FRA 4324, damals noch 4. Feuerabteilung genannt. Einsatz in den Funktionen als K1 und als Gruppenführer. 1963 folgte die Verpflichtung als Berufssoldat, später die Entscheidung für die Fähnrichlaufbahn in den jeweiligen Dienststellungen Hauptfeldwebel. Nach 25 Dienstjahren Entlassung als Stabsfähnrich. Doch das erzählt Ulrich Maynicke selber:

„Nach der Grundausbildung in Oranienburg und nach Arbeitseinsätzen beim Stellungsbau der neuen Feuerabteilung in Burg Stargard ging es mit vielen Freiwilligen nach Pinnow. Einen Ort, der mir bis dahin unbekannt und fremd war. Bei der Einfahrt zum Objekt kamen mir die dort stehenden Holzhäuser wie eine Art Filmkulisse vor. Wir bezogen unsere Unterkunft nicht im großen Areal, wo die Baracken standen, sondern in einem einstöckigen steinernen Gebäudekomplex. Der bereits hinter einem bewachten Zaun lag. Die Zimmer wurden mit mindestens 10 Soldaten belegt und waren sehr spartanisch eingerichtet. Im Gebäude zogen viele ein. Die ich bereits von Oranienburg her vom Sehen kannte bzw. mit denen ich zusammen in der Grundausbildung war. Nach den üblichen strengen Belehrungen zur Geheimhaltung folgte dann die Kommissionierung, dazu nochmals eine gründliche Einweisung über das persönliche Auftreten und Verhalten sowie die militärischen Gepflogenheiten. Der Kanonier Maynicke meldete sich also : bei den recht streng dreinblickenden Offizieren, die an einer langen Tafel saßen, und ich stand nun vor ihnen. Sie blätterten in ihren Unterlagen und verglichen meine persönlichen Daten mit Ihren Aufzeichnungen. Unklarheiten gab es wohl nicht. Ich wurde gefragt, was ich über Pinnow und über die hier stationierte Technik wüßte und konnte nur mit „ Nichts „ antworten. Die Gesichter der Fragesteller erhellten sich bei meiner Antwort zwar nicht, wurden aber auch nicht finsterer. Danach sollte ich meine Vorstellungen zu eventuellen Ausbildungswünschen äußern. Vorgegeben wurden mir „ große Wagen „ oder Kabinen mit elektrischen bzw. elektronischen Geräten oder große Geschütze. Mir ging alles im Schnelldurchlauf durch den Kopf, da meine Antwort nun erwartet wurde. Zum Strom hatte ich ein gespaltenes Verhältnis : ein Jahr zuvor, also 1960, hatte ich während des Winterurlaubs versucht, die Langlaufskier mit einem elektrischen Bügeleisen zu wachsen, am Handgriff erhielt ich einen Stromschlag. Ich konnte meine Hand nicht mehr öffnen und zog das Kabel irgendwie aus dem Stecker, dabei fiel mir das Bügeleisen auf den Zeh !

Aber meine Entscheidung war klar, ich wollte Koch werden. Diesen Wunsch trug ich dann auch so vor. Einige hinter der langen Tafel lachten und der „ Chef „ lieferte zur Ablehnung gleich eine Begründung dazu : wir bilden hier keine Köche, Schneider und Friseure aus ! Ich könnte mir das Ganze nochmal draußen vor der Tür überlegen und schickte mich dann mit einem freundlich gemeinten „ Raus ! „ aus dem Zimmer. Im Flur erwartete mich ein anderer Offizier, der ruhig und sachlich mit mir sprach und darauf verwies, dass wegen der Geheimhaltung keine konkreten Angaben zur Art der Technik gemacht werden könnten. Auch bei dem zweiten Versuch, mich als Koch zu bewerben, erhielt ich erneut eine Auszeit. Es war eigentlich nicht meine Absicht, die Kommissionierungsgruppe zu provozieren. Mein „ Betreuer „ im Flur sagte dann fast väterlich zu mir, Du bist doch KANONIER ( unser erster Dienstgrad ), das kommt von dem Wort KANONE. Ich hatte es aber in meinem Ausbildungswunsch wohl eher von Gulasch – Kanone abgeleitet. Und weiter : „ Du willst doch nicht 2 Jahre in der Wachkompanie dienen oder ? „. Bei mir war nun alles klar. Eine erneute Vorstellung bei der Kommissionierung über meine Entscheidung ergab Zufriedenheit und ich unterschrieb, wurde beglückwünscht und hörte nur leise den Eintrag in den Unterlagen, „ Feuerbatterie „. Ich wußte aber auch nicht mehr als vorher. Am Abend trafen wir uns bei „Viktor“, der Wirt im Objekt hieß so, und ich erfuhr von den anderen Mitstreitern bei mehreren ½ Liter Bier im Stehen, daß es ihnen ähnlich ergangen war.

Es gab Soldaten, die mit Funk- und Elektrotechnik zu tun hatten in großen Kabinen und welche, die in der Feuerbatterie waren. Jetzt ging die Ausbildung getrennt in einem großen Lehr - gebäude weiter. Zu dieser Ausbildung mußten wir durch eine weitere geheime Zone, anschließend in eine Lehrklasse. Wir kamen nur in Begleitung eines Offiziers unter Abgabe des Dienstausweises und Aushändigung eines grünen Sonderausweises durch die Wache in die nächste Zone ( es gab wohl 3 davon). Natürlich wieder Belehrungen über Geheimhaltung und Umgang mit Sonderausweisen. Im großen Klassaenzimmer stellte sich unser Lehrer vor. Es war Hptm. Kloss, der uns nun gesagthat, oder sagen durfte, daß wir an Fla-Raketen ausgebildet werden. Unser Erstaunen und unsereNeugierde waren natürlich sehr groß. Es wurden für uns und durch uns GVS – Bücher für den Unterricht angelegt, denn Schul - oder Lehrbücher gab es nicht. Die Bücher wurden nach Unterrichtsschluß auf Vollzähligkeit der Seiten kontrolliert, dann in einer VS – Tasche versiegelt und vonVS – Bevollmächtigten in die VS – Stelle gebracht. Hptm. Kloss sagte uns auch regelmäßig, wenn wir bestimmte Sachen aufschreiben mußten.

Wir wußten nicht, daß uns diese Bücher noch viele Monate und Jahre begleiten sollten, denn sie waren die Grundlage für die theoretische und praktische Ausbildung als auch für den Gefechtsdienst. Papierkörbe wurden auch kontrolliert und nach Unterrichtsschluß der Inhalt getrennt. Papier wurde geschreddert und eventuelle Essenreste in einen Kübel geworfen. Fenster wurden nach Frischluftzufuhr wieder geschlossen und versiegelt. Während des Unterrichts wurde der Klassenraum durch den Lehrer verschlossen (Unberechtigte hatten keinen Zutritt ) ! Nur zu den Pausen konnten wir an den dafür vorgesehenen Plätzen rauchen. Wir waren von der Art des Unterrichtes von Hptm. Kloss richtig begeister. Er hatte seine Ausbildung in der Sowjetunion erhalten und sprach perfekt russisch. Es wagte auch keiner von uns, im Unterricht undiszipliniert aufzutreten. Zur theoretischen Ausbildung einer Feuerbatterie ( später Startbatterie genannt ) gehörten die einzelnen Komplexe : die Startrampe, die Fla - Rakete ( als „ Produkt „ bezeichnet ), das Transport – und Ladefahrzeug TLF, das Zugmittel für die Startrampe ( Artillerie – Transportschlepper ATS ), der Ersatzteil – und Wartungssatz ( EWZ – Satz ).

Wir konnten kaum den Tag erwarten, wo wir diese Technik in einer weiteren geheimen - von hohen Zäunen getrennten - undurchsichtigen Zone in Natura sehen durften. Es war ein unbeschreibliches Bild, was wir dann an Waffentechnik vorgefunden haben. Niemals hatte man dieses Waffensystem vorher sehen können, außer in Pinnow. Die “ Stammbesatzung “, die auch Lehrunterweisungen zu den einzelnen Großgeräten durchführten, beantworteten uns dann auch Fragen. Wir haben unsere „ Kumpels “ aus den Kabinen getroffen, die ja während der Ausbildung - im Gegensatz zu uns - nur zu Pausen aus dem großen Fahrzeug geklettert kamen. Es befanden sich im Komplex auch viele sowjetische Ingenieure. Die Technik war großräumig, wie zu einer Messe, zur Besichtigung aufgebaut. In der tatsächlichen Feuerstellung sah die Aufstellung natürlich etwas anders aus. Jetzt konnten wir uns auch das ständige Dröhnen der Aggregate erklären, sie liefen oft Tag und Nacht und dienten zur Stromversorgung der Technik.

Unsere Ausbildung erfolgte immer abwechselnd im Klassenraum und an der Technik, dazu marschierten wir in Drillichuniform, mit Brotbeutel, Feldflasche und gerollter Zeltbahn in die geheime Zone. Stets auch das gleiche Ritual : Dienstausweis abgeben, Sonderausweis empfangen und vorzeigen ... Die Ausbildung war natürlich auch wetterabhängig. Bei Regenwetter wurde die Zeltbahn zu einem Umhang geknöpft, der uns dann ca. 1 Stunde vor Durchnässung schützte, eine Feldflasche warmer Kaffee mußte bis zur nächsten Esseneinnahme reichen. Schmalzbrot haben wir uns auch noch in den Brotbeutel gesteckt. Unsere „ funktechnischen “ Mitkämpfer haben wir oft wegen der wohltemperierten Arbeitsplätze beneidet. Der Herbst und das schlechte Wetter bei der Ausbildung an Rampe, Rakete und TLF ging uns langsam auf die Nerven. Außer Politunterricht, der in den Unterkuntsräumen durchgeführt wurde, kann ich mich an keine anderen Ausbildungsstunden erinnern. Es wurde Militärische Körperertüchtigung (MKE) durchgeführt und auch ein Marsch durch das Dorf Pinnow. Waffenreinigen und Stuben – und Revierreinigen waren natürlich auch obligatorisch. Ausgang gab es ebenfalls, wer allerdings mehr als zweimal in Angermünde war, hat danach freiwillig später auf weiteren Ausgang dorthin verzichtet. Man konnte aber nach den kargen Essenportionen in der Dienststelle mehrmals preiswert in den verschiedenen Gaststätten essen. In Tanzlokalen sah man eigentlich nur Uniformen, auch mit höheren Dienstgraden und nur wenige weibliche Besucherinnen. Da wir Uffz. - Schüler waren, mußten wir uns in der Schlange hinten anstellen, konnten also nur den 3. Preis machen. Auf der Eisenbahnstrecke von Angermünde Richtung Kaserne Pinnow sind wir auf den Bahnschwellen gelaufen, um pünktlich 24.00 Uhr in der Unterkunft zu sein (Züge sind in der Gegend wohl kaum gefahren und andere Verkehrsmittelgab es auch nicht). Wer im Objekt bei „ Viktor “ einen Platz ergatterte hatte, der hatte großes Glück, denn es standen bereits wieder 3 - 4 Mann hinter jedem Sitzenden. Man konnte gut essen, schmackhafte Bratkartoffeln mit Spiegelei war Standardgericht. Bis zum Servieren des Essens konnte man schnell noch 2 - 4 ½ Liter und viele doppelte „ Pfeffis “ zu sich nehmen.


Noch einige abschließende Bemerkungen zu meiner Ausbildung. Nach einer gewissen Zeit gab es langsam bei einigen wenigen Angehörigen der Funktechnischen Kompanie eine Tendenz zu einer gewissen Überheblichkeit gegenüber den Kanonieren der Startbatterie. Sicherlich war derAnlass dafür, daß die Arbeit in den Kabinen mit der Elektronik schwierig war und viel technisches Wissen und Verständnis usw. erforderte. Aber auch die Startrampen und und Raketen hatten sehr viel Elektronik in ihrem Inneren. Auch wir mußten Schaltbilder und den Verlauf von Stromkreisen usw. bis zur Perfektion erlernen und beherrschen. Hinzu kam noch die schwere körperliche Arbeit an der Technik selbst, also an Rampe und Rakete, z.B. Startrampe von der Marschlage in die Gefechtslage und umgekehrt, Ladebleche für TLF und Startrampe mit Erdspornen und Rammbär in der Stellung befestigen usw. Das Be - und Endladen der Raketen von und auf die Startrampe in der geforderten Normzeit war ebenfalls mit großen Kraftanstrengungen verbunden. Das Problem hat sichdann aber bald fast von alleine erledigt, als nämlich bei einer Überprüfung der Gefechtsbereichtschaft unsere Abteilung nach Normzeit auf - und abgebaut werden mußte. Während die Startbatterie in der Normzeit lag, wurden wir zur „ sozialistischen “ Hilfe für die Funktechnische Kompanie abgestellt, um den Gesamterfolg zu gewährleisten. So ist es nun einmal bei einem kollektiven Waffensystem … “

Von uns an alle Ehemaligen, an alle Freunde und interessierten Leser unserer Folgen „ Aus der Geschichte der 43. FRBr „ alles Gute und viele Grüße zum 1. Mai !
- Fortsetzung folgt.

Kommentare:

  1. Genau die beschriebene Überheblichkeit gegenüber den Kanonieren hat Ulrich Maynicke im Mai 1966 als Spies,der A-Kompanie in Retschow, selbst betrieben.
    Aus eigenem Erleben kann ich beschreiben,wenn
    Postausgabe vor angetretener A-Kompanie gewesen ist,Ulrich Maynicke die Post in den Dreck geworfen hat,bei den Kanonieren,die nicht schnell genug aus dem Glied getreten sind.Darüber mußte ich manchmal nachdenken,wie das mit der Moral einer sozialistischen Armee vereinbar war.Hat mir ja im Grunde bis heute keine Ruhe gelassen,sonst hätte ich ja diese Anmerkung nicht geschrieben.
    Gruß Bodo Brünlinger,Hennigsdorf

    AntwortenLöschen
  2. Auch ich habe Fähnrich Maynicke in der Zeit meines Grundwehrdienstes 1978-80 als Spieß "erleben" dürfen ... kann mich nicht erinnern, ihn je lachen gesehen zu haben. Und wir hatten bei ihm auch nie etwas zu lachen. Na ja, Schwamm drüber!
    Gruß Stephan König, Magdeburg

    AntwortenLöschen