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Mittwoch, 6. Mai 2020

"Mauerfall" und "Wiedervereinigung" im Lichte der Numerologie

In diesem Jahr werden - 10. Corona-Welle hin oder Absage des Münchner Oktoberfestes her - die Feierlichkeiten zum 30. Republikgebur^^^Jahrestag der sog. "Wiedervereinigung" begangen. Und da die Welt endgültig irrational(*) geworden scheint, lohnt sich ein entsprechender Blick:

Wir hatten nun im Jahr 1961 den "Mauerbau"  und - nach der unkontrollierten Grenzöffnung 1989 - das "endgültige" Verschwinden der "Mauer" im Jahr 1990. Letzteres und auch die dem folgende "Wiedervereinigung" war vorherbestimmt!

Zahlen lügen nicht:

Ich beginne meinen Exkurs in die Numerologie mit einer simplen Quersummenbildung (q) des Tages der Sicherung der Staatsgrenze der DDR gegenüber Westberlin  (13.08.1961):

q(13081961) = 1+3+0+8+1+9+6+1 = 29

Als nächstes addiere ich die Jahreszahl 1961 mit der ermittelten Quersumme:

1961 + 29 = 1990

Überraschung: Die "Schuld" an der "Wende" hat somit weder Schabowski, Krenz, Gorbi, Kohl oder gar Bürgerbewegte, sondern die simple Mathematik^^^Numerologie!


Ok, damit mir die Überraschung nicht noch einmal passiert, denn bekanntlich erfolgt die Beschäftigung mit der Vergangenheit aus den Bedürfnissen der Gegenwart:

Count von Count, wann wird die "Wiedervereinigung" der 2 Staaten aufgelöst?!

Dazu berechne ich wie oben die Quersumme aus dem Jubiläumstag 03.10.1990 und multipliziere das Ergebnis mit der Anzahl der "vereinigten" Staaten: 

q(03101990) * 2 = (0+3+1+0+1+9+9+0) * 2 = 23 * 2 = 46

Als nächstes addiere ich die Jahreszahl 1990 mit der ermittelten Quersumme:

1990 + 46 = 2036

Nun gut, damit besteht für mich im Jahr 2036, wenn das Gebilde wieder auseinanderbricht, die Chance noch zu murmeln:

Hab'ich's doch gleich jesachd!

Hinweis:
(*) Zum Irrationalismus gehört auch:
  • Leugnung der Erkennbarkeit der Welt,
  • Leugnung der Existenz von Gesetzmäßigkeiten in der Welt,
  • "Glaube an dein Gefühl!",
  • Esoterik sowie
  • "Wahr ist, was alle glauben".
Zum Thema "der Irrationalismus als reaktionäre Antwort auf Probleme des Klassenkampfes" lies folgende Aussage: Deutsch­land "... bleibt das 'klassische' Land des Irrationalismus, der Boden, wo dieser sich am vielseitigsten und umfassendsten entfaltet hat und darum in der lehrreichsten Weise studiert werden kann, so wie Marx den Kapitalismus in England untersucht hat. Wir glauben: diese Tatsache gehört zu den schmachvollsten Seiten der deutschen Geschichte." Georg Lukács, 1952.

Samstag, 3. März 2018

Militärdoktrin ab 1985

Die sowjetische Militärdoktrin, das Gefecht sofort auf das Gebiet des Gegners tragen, war nichts geheimnisvolles oder unbekanntes, sondern die einzige Möglichkeit, einem Blitzkrieg militärisch zu begegnen.

Bis zum NATO-Doppelbeschluß 1979 und dessen ernsthafte Umsetzung ab 1982 war die Welt insoweit auch "in Ordnung".

Mitte der 1980er sollten allerdings gem. NATO-Planung allein beim 1. Schlag über 200 Sprengköpfe mit mehrfacher Hiroshima-Sprengkraft über der weltgrößten, wenn auch kleinen DDR explodieren.

Bereits 1983 war die sowjetische Führung zum dem Schluß gekommen, daß wenn nur 20% der  jeweils vorgesehenen Kernwaffen in Europa zum Einsatz kommen, die Streitkräfte beider Seiten aufgehört hätten zu existieren.

Ein Krieg in Europa hatte für die europäischen Staaten und die UdSSR ihren Sinn verloren (nicht für die USA).

Die UdSSR plante daher - im Ergebnis der Manöver 1982 und 1983 - ab 1985 sich auf dem Territorium ihrer Verbündeten (insb. DDR und Polen) und zu deren Lasten(!) nachhaltig zu verteidigen, um auf politischer Ebene *hüstel* eine Einstellung der Kämpfe zu erreichen.

Die USA planten zu dem Zeitpunkt bereits - ergänzend zum europäischen Kriegsschauplatz -  mehrere atomare "shock and awe - Angriffe" auf die UdSSR, mit begrenzter Vernichtung, um sie zur Kapitulation zu bewegen. bei gleichzeitiger umfassenden atomarer Angriffsdrohung bei einem Gegenschlag.

Siehe auch: 
Bei dieser Alternative: Kapitulation oder totale Vernichtung (des Planeten), entschloß sich die UdSSR zur Kapitulation, bereits vor einem Krieg.

Folgen sind bekannt.

Sonntag, 8. Januar 2017

NVA auf der Seite der Bürgerbewegten

Die "Berliner Morgenpost" wiederholte am 16.07.2015 ein Zitat vom letzten  Minister für Nationale Verteidigung der DDR, Admiral Theodor Hoffmann. Die Worte wurden gegenüber dieser Zeitung bereits am 17.07.1990 gesprochen und sind u.a. wiedergegeben im Buch "Gegner wider Willen: Konfrontation von Volksmarine und Bundesmarine auf See" von Ingo Pfeiffer:

»Die Nationale Volksarmee der DDR (NVA) wäre im Zusammenhang mit der Wende 1989 gegebenenfalls aktiv "auf der Seite des Volkes" gegen Kräfte vorgegangen, die die friedliche Revolution hätten stoppen wollen. Das sagte NVA-Chef Admiral Theodor Hoffmann. Für diesen Fall habe im Ministerium ein "Krisenplan" vorgelegen, so Hoffmann in einem Gespräch mit der Berliner Morgenpost weiter.

Auf die Nachfrage, ob die Armee auch eingegriffen hätte, wenn der Staatssicherheitsdienst versucht hätte, sich der Revolution in den Weg zu stellen, antwortete der Admiral: "So ist es."«

Vor kurzen hätte ich noch was von "jeder macht aus seiner Biographie das Beste" geschrieben, inzwischen bin ich geneigt Admiral Hoffmann zu glauben.

Freitag, 8. April 2016

Helikopter-Geld und Enteignung

Nun wird die Idee, Zentralbankgeld nicht nur an die Banken, sondern gleich direkt an die Bürger zu verschenken, salonfähig gemacht. Ziel sei es natürlich, die Wirtschaft anzukurbeln und die Inflation anzutreiben. Der EZB-Chef, Mario Draghi, meint aktuell dazu: „Es ist ein sehr interessantes Konzept, das derzeit von akademischen Ökonomen in den verschiedensten Umfeldern diskutiert wird“.

Bisher kam das an die Banken verschenkte Geld in der Realwirtschaft nicht an. Das Geld wurde weiter in Schneeballsystemen gehortet und alles wartet auf den "Knall", der das Euro-System auseinanderfliegen läßt.

Demgegenüber hätte die Maßnahme das Geld direkt an die Bürger zu verschenken, den Vorteil, daß dieses Geld unmittelbar in den Konsum fließen würde und das "Überangebot" von Geld würde die Inflation tatsächlich schlagartig erhöhen. Diese Inflation würde eher kurzfristig wieder ein Gleichgewicht zwischen vorhandener Geldmenge und dem Warenangebot herstellen. Spätestens mittelfristig wäre nichts gewonnen, oder?

Doch, Deine und meine Spareinlagen wären schlagartig entwertet. 

Natürlich nur, wenn diese nicht - wie bei Vermögenden üblich - in materiellen Dingen, wie Grundvermögen etc. angelegt wäre. Das Geld wäre futsch und das "geschenkte" Geld wäre wertmäßig dagegen Peanuts. Eine deutlichere Umverteilung von "Unten" nach "Oben" ist kaum vorstellbar. Im Übrigen, das größte Vermögen, was die "90 %" der Bevölkerung besitzt, sind die Rentenansprüche ... rechne mal über die wahrscheinliche Bezugsdauer nach!

Selbstverständlich ist die ganze Idee nicht neu. Erinnert sich noch jemand an die "geschenkten" 100 DM - Begrüßungsgeld? Diese führten auf direktem Weg zur Einführung der DM und der kompletten Entwertung nicht nur des Volks- sondern auch Privatvermögens.

Naheliegend müssen die Schulden aus der Bankenkrise (seit 2007!) irgenwie, irgendwann und durch irgendwen bezahlt werden. Selbstverständlich nicht von den Verursachern. Bisher bin ich eher von einer schleichenden Enteignung alá "Sparersteuer" ausgegangen, aber der Kreativität an mein Geld zu kommen, sind offenbar keine Grenzen gesetzt.

Samstag, 17. Januar 2015

Aufnahmeheime in der DDR

Das Thema "Aufnahmeheime" in der DDR ist für mich noch nicht richtig "rund". Vielleicht weiß jemand mehr:

Etwa 600.000 Menschen siedelten von 1949 bis 1989 aus der BRD / Westberlin in die DDR. Die Mehrzahl waren Rückkehrer, die mit dem Westalltag nicht zurande kamen. Dazu kamen mindestens 200.000 "Erstzuziehende" aus dem westlichen Teil Deutschlands, s.a.:
http://home.snafu.de/veith/deserteu.htm

Für diese Menschen gab es  ab 1979 als erste Anlaufstelle das Zentrale Aufnahmeheim (ZAH) Röntgental bei Berlin (Bezirk Frankfurt/Oder).

Ich gebe zu, mehr kannte ich nicht. Jetzt lese ich, es gab bis Mitte der 1960er Aufnahmeheime auf zentralstaatlicher Ebene in
- Barby (Bezirk Magdeburg),
- Eisenach,
- Pritzier (geschlossen 1972) und
- Eisenberg-Saasa (Bezirk Gera)

sowie auf bezirklicher Ebene in
- Velgast,
- Militzsee,
- Loburg,
- Schmalkalden,
- Kraftsdorf,
- Karl-Marx-Stadt,
- Zirkelschacht,
- Leipzig,
- Dresden,
- Kablenz,
- Molkenberg bei Fürstenwalde (Bezirk Frankfurt/Oder),
- Potsdam und
- Berlin-Weißensee
- Berlin-Blankenfelde (geschlossen 1972).

Ab der Sicherung unserer Staatsgrenze 1961 zu Westberlin wurden die Aufnahmeheime sukzessive weitgehend auf drei ZAH reduziert. Es verblieben:
- Barby,
- Eisenberg-Saasa und
- Molkenberg bei Fürstenwalde (geschlossen 1986)

Ab 1979 gab es grundsätzlich nur noch das bekannte ZAH Röntgental bei Berlin (Bezirk Frankfurt/Oder). Einige auf bezirklicher Ebene sollen jedoch weiter existiert haben.

Links:
http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/wunschik20130802/?p=all
http://www.ddr-rueckkehrer.de/cms/index.php?option=com_content&view=article&id=48&Itemid=41

update (23.05.2020)
Da der Kommentar zu diesem Eintrag einen meiner Meinung nach seltsamen "Drall" hat, so "saß" er in einem Aufnahmeheim sozusagen als Gefangener und da mir dieser Tage eine vergleichbare Aussage über den Weg lief, habe ich mal gegoogelt. 

Die Grenzdurchgangsgangs- / Notaufnahme- / Durchgangslager / Erstaufnahmeeinrichtungen gab es bekanntlich ab 1945 in allen Besatzungszonen (außer der französischen). Das wohl bestbekannte Lager im Westen wird "Friedland" gewesen sein und im Westsektor "Berlin-Marienfelde" ... und alle werden als "gut" beurteilt.

Und siehe da, der Deutschlandfunk: Sie im Osten waren natürlich "böse", denn diese Lager entsprangen nicht praktischen Überlegungen (so schlichter Organisation oder Quellenabschöpfung durch Geheimdienste, wie im Westen), sondern:

"Die DDR begegnete den Zuwanderern aus der Bundesrepublik nicht mit offenen Armen, sondern mit Misstrauen und Skepsis. So mussten zwischen 1961 und 1989 alle Übersiedler erstmal in sogenannte Aufnahmeheime – eine Mischung aus Internierungslager und sozialistischem Internat."

Und

"In den DDR-Übersiedlerheimen kam es sogar zu Selbstmorden und Selbstmordversuchen ..." *wow* Ich vermute, sogar (Taschen-) Diebstähle wird es gegeben haben.

Das erzählt der unparteiische und nur der Wissenschaft verpflichtete Dr. Michael Schäbitz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der ... klar Hohenschönhausen. 

Also merken: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht dasselbe, denn was ist Westen immer "gut" ist, ist im Osten immer "schlecht". Eigentlich einfach das.

Montag, 30. Juni 2014

Wir sind ein Volk

Mich hat schon immer interessiert, wann und wie die Losung von "Wir sind das Volk" zu "Wir sind ein Volk" kippte.

Bei der Beantwortung half mir meine Lieblingszeitung "Das Parlament" mit seiner Beilage "Aus Politik und Zeitgeschichte" über das Thema "Aufbruch'89". Im darin enthaltenen Artikel von Bernd Lindner "Begriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche" erfahren wir dazu, die Losung "Wir sind das Volk" sei »zuerst am 2. Oktober 1989 in Leipzig und nicht am 8. Oktober in Dresden gerufen« worden. Aber er klärt dankenswerterweise auf, wer und wann den Begriffswandel visionär einleitete. Jeder hätte es sich denken können:

»Als die Losung am 11. November 1989 das nächste Mal in der Öffentlichkeit erschien, hatte sie eine gänzlich andere Konnotation: An diesem Tag titelte die "Bild" in unübersehbar großen Lettern: "'Wir sind das Volk' rufen sie heute - 'Wir sind ein Volk' rufen sie morgen!"«.

Wie es weiter ging, erfuhr ich über "Schattenblick.de" von Peter Radunski, damals Chef der Öffentlichkeitsarbeit für die West-CDU, via Deutschlandradio: »"Wir haben festgestellt, das war auch stark diskutiert worden im Bundesvorstand und Präsidium, dass eigentlich die Selbstbestimmung nicht das sein kann, womit das Volk zufrieden gestellt werden kann. (...) Hinter den Kulissen stemmt die Bundes-CDU in der Woche vom 11. bis 17. November einen Aktionsplan. Es gilt, die Meinungsführerschaft zu übernehmen: Radunski: Eine Sitzung war am 16. abends im Adenauerhaus, eine so genannte Kommunikationsrunde. Und bei dieser Kommunikationsrunde, das kann ich aus meinen Notizen deutlich sehen, ist gesagt worden: Kinder wir machen ein Plakat "Wir sind ein Volk". Das heißt, in Weiterentwicklung des Slogans, der in der damaligen DDR skandiert wurde: "Wir sind das Volk". (...) Und dabei sind sicher auch Junge-Unions-Leute nach den einzelnen Teilen der DDR gekommen und haben sicher da auch die Wandzeitung oder das Plakat "Wir sind ein Volk" hochgehalten. Aus einem schriftlichen Vermerk der CDU-Bundesgeschäftsstelle geht hervor: Versand an die Kreisverbünde/Plakate "Wir sind ein Volk" - Erste Auflage 12.800 Stück. Aufkleber "Wir sind ein Volk" - Erste Auflage: 100.000 Exemplare. Zweite Auflage: 300.000 Exemplare.«

Also wurde demnach der Slogan "Wir sind ein Volk" am 11. November 1989 von BILD vorgedacht und ab 17. November 1989 durch die West-CDU popularisiert ... der 10-Punkte-Plan von Kohl wurde am 28. November 1989 veröffentlicht. Öffentlich wahrgenommen wurde die Lösung von mir erst zum Kohl-Auftritt am 19. Dezember 1989 in Dresden. Hier könnte die etwa ein Monat lang vorbereitete Losung "Wir sind ein Volk" endgültig die Massen ergriffen haben und wurde somit zur materiellen Gewalt.

Folge:
»Ende September ging im Leipziger Herbst ein angestimmtes Deutschlandlied noch in Pfiffen unter, wenige Wochen später war es aber zum allgemeinen Kanon geworden« Marcus Hawel auf sopos, Hervorhebung von mir.

Sonntag, 16. März 2014

Mauerfall einmal anders

Mauerfall einmal anders
von Wolfgang P u f f e

Man gestatte mir, eine kleine Begebenheit zu berichten, die mir in dem Zusammenhang "Grenzöffnung" wieder einfällt:
 
Bei der NVA hatten wir zwei Töpfe in der BA - Kammer (Bekleidung / Ausrüstung) im Unterkunftsbereich. Einen Topf mit eingebautem Heizelement unten drin (mit Schnuranschluss) und einen anderen, schmalen hohen Topf mit kräftigem Tauchsieder dazu. Im letzten Diensthalbjahr hatte einer von uns den Schlüssel für die heilige Kammer, und dadurch konnten wir EKs mitunter Abends noch eine warme Mahlzeit genießen.

Im Topf mit Heizelement wurde Butter zerlassen, dann in  Scheiben geschnittene Wiener / Bockwurst ("Bowu") und Zwiebeln angedünstet,  weitere Zutaten je nach Verfügbarkeit, sowie Ketchup (war in der Laden der Militärhandelsorganisation - MHO - kaum Mangelware) dazu. Im anderen Topf mit Tauchsieder wurden die Spagetti zubereitet.  Diese sackten so nach und nach im Topf runter und umgaben den Tauchsieder auf recht innige Weise. Man musste das Ganze in Bewegung halten sonst hätte man anschließend hässliche Arbeit mit dem Tauchsieder gehabt, da unsere Taten nicht auffliegen durften.

Das funktionierte auch bestens bis zum 9. November 1989. Die Soße war wie immer exzellent gelungen, die Spagetti "standen" noch im Topf und brauchen noch etwas Zeit. Plötzlich kam im Fernsehen irgendwas von Grenzöffnung. Alle rannten und glotzen im Fernsehraum, Zeitvergessen, bis es anfing sehr streng über den langen Flur zu riechen. Jede Rettung des "wertvollen" Tauchsieders kam zu spät. Am nächsten Morgen musste dieser beim Hauptfeldwebel als dienstuntauglich abgemeldet werden. Anschiss.
 
Einen Monat eher, und dieses "Besondere Vorkommnis" (BV) wäre meldepflichtig bis "in die höchsten Kreise der Nato" gewesen ;-)
 
So geschehen und berichtet bei den LaSK der NVA im MB III.

Freitag, 24. Januar 2014

Der Weg zur "Wende"

Ich habe mich in den letzten Jahren in folgenden Artikeln mit der (Rück-) Wende beschäftigt:
 
Mauerfall - 9. November 1989
"Meine" NVA - 1990

Es stellt sich naheliegend die Frage: "Wie konnte es soweit kommen?"

 
Das die wirtschaftlichen Probleme, nicht zuletzt aufgrund der schlechten Ausgangslage, ursächlich waren, sollte m.E. klar sein. Während die DDR einen nach dem Sieg im 2. Weltkrieg materiell erschöpften Partner an ihrer Seite hatte und fast die gesamte Reparationslast allein tragen mußte, wurde der westdeutsche Separatstaat von den USA mittels Marshallplan aufgepäppelt. Im Folgenden soll es mir jedoch um die politisch-militärischen Rahmenbedingungen gehen.

Ende der 1960er war das Militär-Strategische Gleichgewicht hergestellt und die Sowjetunion hatte die Fähigkeit zum alles vernichtenden Gegenschlag erlangt. Die sowjetischen Interkontinentalraketen "schlugen" die angloamerikanischen Bomberverbände.

Als Folge wurde der Westen "zutraulich" und es wurden Verträge zur Begrenzung der Nuklearwaffen, aber auch der "Moskauer Vertrag" unterzeichnet. Es folgte das Vierseitige Abkommen über Westberlin und "das betreffende Gebiet". Das Problem für die DDR war, daß diese Verträge  unterzeichnet wurden, ohne sie einzubeziehen und die deutsche Frage zu klären, d.h. die Existenz der DDR zu garantieren. Hinzu kam, daß die BRD die Grenzen der Sowjetunion und Polens, trotz eindeutiger Präambel des Grundgesetzes, nicht mehr offen in Frage stellte. Damit verlor die DDR ihre "Pufferfunktion" für diese Staaten.

DDR und BRD schlossen den Grundlagenvertrag (und Transitabkommen), der insoweit pragmatisch den Status Quo festschrieb. In dieser Zeit wurde Walter Ulbricht abgesetzt, es folgte Erich Honeckers Anerkennungspolitik sowie in Europa eine Friede-Freundschaft-Eierkuchen-Epoche (KSZE, Helsinki). Die "Konterrevolution auf Filzlatschen" begann. "SED-Reformer" begannen zu wirken.

Es gab aber keinen Anlaß wirklich Grundlegendes zu ändern.

Diese relativ friedliche Dekade änderte sich schlagartig mit dem NATO-Doppelbeschluß: Das Militär-Strategische Gleichgewicht wurde verletzt, die Vorwarnzeit für eine Nuklearschlag auf Null reduziert. Die Zeit zwischen 1979 und 1983 kristallisiert sich immer mehr als "Schicksalsjahre" heraus:
 
Ich stand kurz vor den Eintritt in die NVA ;-) und sowohl im engsten Verwandten- als auch im weiteren Bekanntenkreis wurde mir "der Vogel" gezeigt: Die deutschen Staaten würden sich annähern und bald könne "jeder" in den Westen zu Besuch reisen, nur ich dann nicht ... dagegen mehrten sich um 1982 Äußerungen, wie "Noch nie war der Frieden seit dem 2. Weltkrieg so bedroht wie gegenwärtig." und ich dachte noch, jetzt sind "die" völlig weggetreten. Dabei hatte "die Partei" natürlich und wie immer Recht ;-)
 
Stichworte:
* Unruhen in Polen 1980 - 1989
   (Gefahr des Abschneidens der GSSD vom Landweg zur Sowjetunion;
   hektischer Ausbau der Fährverbindung Mukran-Klaipėda)
* Operation RYAN 1981 - 1984
* Die Sowjetunion kürzt die Erdöllieferungen in die DDR ab 1981
   (die DDR muß neue Wege zur Devisenbeschaffung und
   Energiesicherung suchen)
* Die US-Mittelstreckenraketen in Westeuropa stehen ab 1982
 
[Exkurs] Angeblich hatten die Briten 1983 durch eine Quelle im KGB (Oberst Oleg Gordijewski) genaue Kenntnis der Gefährlichkeit der Situation, wollten aber diese Quelle unter keinen Umständen gefährden. Jedenfalls sei "Able Archer" deshalb nicht abgesagt oder wenigstens modifiziert worden. Der gute Oleg Gordijewski war auch ansonsten ein wahrer "Glücksgriff". So hat er nebenbei auch mit der AIDS-Ursprungs-Legende von Jakob Segal aufgeräumt: Alles angeblich KGB-Desinformation ... Es ist m.E. üblich, aus Überläufern - hier nachdem er aus sonst was für Gründen von dem lukrativen London-Posten abgezogen wurde und überlief - im nachhinein Top-Spione zu machen.

Aber auch die Theorie, daß Rainer Rupp (Topas) den Kernwaffenkrieg 1983 verhinderte, krankt am Detail: "Topas" saß in der Politischen Abteilung im NATO - Hauptquartier in Brüssel und die Atomstreitkräfte der USA unterstanden (unterstehen) nun einmal nur den USA. Natürlich kann hilfsweise überlegt werden, ob und inwieweit ein sowjetische Quelle bspw. im Strategischen Kommando der US-Streitkräfte ergänzende Informationen lieferte.

Nach meiner Meinung steckte die Sowjetunion schlicht den "Kopf in den Sand". Die einzige Alternative wäre die Auslösung eines sowjetischen Atomschlags gewesen, um den vermuteten Angriff zuvorzukommen; beachte auch die Erklärung vom 15. Juni 1982.  Heutzutage wird das so formuliert: »So angespannt die Atmosphäre im Jahre 1983 auch immer gewesen sein mag, die Führer in Moskau zeigten nie irgendeine Angst vor einem unmittelbar bevorstehenden Atomschlag gegen die UdSSR«. Schrieb zumindest Mark Kramer, nach Sichtung der Protokolle der Sitzungen des Politbüros der Kommunistischen Partei der Sowjetunion von 1983 und Anfang 1984. [Ende]

Natürlich rührten sich die ersten "Reformer" in Wissenschaft, VEB und SED, denn jetzt "mußte" gehandelt werden.

Zwischen der BRD und der DDR liefen das "Länderspiel" und "Züricher Modell". Basis waren Überlegungen zum gegenseitigen Entgegenkommen.  So waren im "Züricher Modell" Tranchen angedacht: Wie pro eine Milliarde DM Kreditrahmen Senkung des Reisealters für DDR-Bürger um ein Jahr. Kern dieses Modellversuches war sowieso "nur" ein "Kontokorrentkonto" auf einer eigens von beiden Seiten gegründeten Bank ... alles streng geheim natürlich. Inwieweit hier die "SED-Führung" führend war oder "Reformer" handelten, ist nicht ganz klar. Die Aktivitäten wurden zumindest vom MfS "begleitet". Das Projekt "Länderspiel" war noch nicht einmal so konkret.

Die Infos zum Thema  "Länderspiel" und "Züricher Modell" sind extrem spärlich und gehen auf wenige Zeitzeugen zurück. Es gab auch wenig feste Strukturen oder gar Organisation ... da BRD-Persönlichkeiten und -Behörden knietief mit dabei waren, ist nach dem Tod der Zeitzeugen nur noch wenig Neues zu erwarten. "Aufarbeiten" der Geschichte heißt auf BRDisch leider nur immer "Abrechnen" und dafür eignet sich dieses Thema nun einmal nicht. Herr Platzdatsch (Interview mit dem "Zeitzeugen Jürgen Nitz") schreibt: "Das »Züricher Modell« enthielt die Option auf eine deutsche Konföderation. Ja. Und das war beiden Seiten klar und von beiden Seiten gewollt. Im Auftrag von Honecker formulierte damals Herbert Häber, Politbüromitglied, die Idee von der Koalition der Vernunft, die Kohl mit dem Begriff der Verantwortungsgemeinschaft beider deutscher Staaten beantwortete. Mit dieser Konzeption wollte Honecker im Sommer 1984 Moskau für seine Reise nach Bonn gewinnen ... Honecker unternahm noch einen letzten Versuch 1987 während seines Besuches in der Bundesrepublik. In seiner Rede in Neunkirchen, im Saarland, schlug er vor, die deutsche-deutsche Grenze so zu gestalten wie die Oder-Neiße-Grenze. Das war der Kerngedanke des Geheimprojektes »Länderspiel«, zu dem ich in Zürich Vorgespräche mit Thomas Gundelach, Sekretär des damaligen Bundestagspräsidenten Philip Jenninger, sowie mit dem Bankier Holger Bahl, einem Beauftragten des Bundeskanzleramtes, führte."

Bereits 1982/83 war aber mit den sog. Strauß-Krediten die "Luft raus": Wozu Gegenleistungen, wenn man das Geld auch "umsonst" bekommt?! Ja, ich weiß um die zeitliche Parallelität um den Abbau der Mienen an der Staatsgrenze, aber eine finale Verknüpfung wird von HERTLE u.a. verneint. Die Entscheidung soll unabhängig ("Goodwill") gefallen sein.

Honecker entschied nicht mehr "zu handeln" und die Projekte dümpelten nur noch vor sich hin.

So sah nun die Anhängerschaft der "Bürgerbewegten" zum Ende der 1980er aus: 160 verschiedene Gruppen, wie Friedenskreise, Ökologiergruppen, mit einem Teilnehmerkreis von 2.500 Teilnehmern und IM durchsetzt. Davon waren 600 in Führungsgremien tätig, wovon rd. 60 Personen vom MfS  als "harter Kern" betrachtet wurde. Westliche Quellen sprechen immerhin schon von 325 Gruppen mit einer Massenbasis von bis max. 15.000 Menschen. Damit kann kein Umsturz gemacht werden, gleichwohl dieser initiiert:
http://ddr-luftwaffe.blogspot.de/2012/06/massen-mobilisieren.html

Die offensichtliche Handlungsunwilligkeit / -unfähigkeit der Gruppe um Erich Honecker wurde dann am 17. Oktober 1989 von Egon Krenz sowie den "SED-Reformern" für sich genutzt. Für diese war die Losung "Keine Gewalt" existenziell: Jede gewaltsame Niederschlagung - dazu hätten ggf. ein energisches Durchgreifen der Polizei in Leipzig genügt - hätte die "1. Reihe" gestärkt, wie weiland um den 17. Juni 1953. »Falls Sie einmal in die Verlegenheit kommen sollten, eine Verschwörung gegen einen Apparat einzuleiten, erkundigen Sie sich bitte bei mir, dann erzähle ich Ihnen, wie das gemacht wird« meinte dazu Schabowski.  Vorsorglich: Schabowski war alles andere, aber kein "Reformer".

In der ersten Februar-Woche des Jahres 1990 war ich auf einer Veranstaltung der PDS auf Kreisebene. Teilnehmer war u.a. einer von der "Zentrale" aus Berlin, Mitte 30, und in dessen Schlepptau war eine junge Frau. Beide waren "SED-Reformer", auch wenn sie sich nicht so vorgestellt haben. Die Frau "outete" sich in ihrem Beitrag als "Oppositionelle", die aktiv Demonstrationen organisiert und an diesem teilgenommen habe. Aufgrund der harschen Reaktionen, brach sie in Tränen aus und entschuldigte sich schluchzend: »"Das" haben "wir" nicht gewollt.«. Fazit: Ich war im Konkreten auch nur "Wasserträger" fremder Interessen.

Und nicht vergessen: »Wir haben damals [bereits ca. 1981 / 1982; Veith] der sowjetischen Führung mitgeteilt, wir könnten die DDR innerhalb von zwei Wochen destabilisieren. Es wäre Abenteurertum gewesen. Früher sollte die DDR-Führung sich sicher fühlen können, sonst hätte die Kirche nicht das Dach bilden können, unter dem die Dissidenten sich formieren konnten«, aus: Egon Bahr, "Die Deutschlandpolitik der SPD nach dem Kriege", 1993.

Was war nun mit der Sowjetunion?

Egon Krenz in seiner Rede auf dem Symposium "Die Zerstörung der Sowjetunion und ihre Folgen" 23./24.04.2011) in Peking: »Am 21. Oktober 1981 hatte KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew einen persönlichen Beauftragten zu Erich Honecker geschickt. Die Botschaft war: Die Sowjetunion sei nicht mehr in der Lage, den Rohstoffbedarf der DDR, besonders bei Erdöl, zu decken. Diese Tatsache ging an den Lebensnerv der DDR. Begründet wurde sie damit, daß sich die Sowjetunion in einer ähnlichen Situation befinde wie Sowjetrußland 1918 beim Abschluß des Friedensvertrages von Brest-Litowsk. Das hat uns in der SED-Führung irritiert. Ging es doch 1918 um Sein oder Nichtsein von Sowjetrußland. (…) Wir erfuhren: Die Analyse der sowjetischen Führung hatte ergeben, daß sich die UdSSR in einer existentiellen Krise befand.«

Egon Krenz in dem Artikel: "1949 und 1989 - Wendepunkte europäischer Geschichte" (14. Oktober 2014) mit einem quellenoffenen Zitat: "Ich bin ein leidenschaftlicher Gegner von Geschichtsklitterungen ... Geschichte muß sich gegen jede Einseitigkeit wenden, die in aller Regel nur dazu gedacht ist, als Waffe im politischen Kampf der Gegenwart eingesetzt zu werden. Geschichtsbetrachtung darf nicht zurechtgebogene Einseitigkeiten schaffen und zu Knüppeln politischer Propaganda degradieren." Franz Josef Strauß "Erinnerungen", Siedler-Verlag, Berlin 1989, Seite 388.

Schön auch die Bestätigung[*]: »Am frühen Morgen des 10. November machte uns die sowjetische Seite den Vorwurf, die DDR sei wegen des Vier-Mächte-Status von Berlin nicht berechtigt gewesen, die Grenze zu Westberlin zu öffnen.34 Auch die Militärverbindungsmissionen der drei Westmächte in Potsdam waren irritiert.35 Wie sehr zu diesem Zeitpunkt noch militärische Aspekte eine Rolle spielten, geht auch daraus hervor, daß der Chef der US-amerikanischen Mission erklärte, "das USA-Oberkommando würde Einwände erheben, falls Armeeangehörige der DDR Berlin (West) besuchen sollten"36.«

[*] siehe Projekt "Loch-in-der-Grenze"
34 Telefongespräch zwischen Egon Krenz und UdSSR-Botschafter Kotschemassow am 10. November 1989
35 Siehe Fernschreiben des Chefs des Stabes der Westgruppe der Streitkräfte der UdSSR vom 12. November 1989 an Generaloberst Fritz Streletz
36 Ebenda


Tja, scheint doch etwas mehr daran zu sein, als ich erst dachte: Vor dem Mauerfall - Wie der Kreml die DDR aufgab. Siehe vergleichend, bereits für das Jahr 1956, den Artikel "Geheimmission des BRD-Vizekanzlers beim DDR-Vize-Verteidigungsminister 1955 und 1956" Was wollte der Vizekanzler Schäffer beim Chef des Hauptstabes der NVA und stellvertretenden Minister für Nationale Verteidigung,  Vincenz Müller?
 

Dienstag, 19. April 2011

"Meine" NVA - 1990

"Alte Freunde behalten, neue Freunde gewinnen"
OSL Kilian, 1. Juni 1990

Nach der unkontrollierten Öffnung der Grenze an jenem 9. November 1989, veränderten sich auch die Verhältnisse und Einstellungen innerhalb der NVA und ihres Offizierskorps ... wenn auch zeitverzögert zum "Rest" der Bevölkerung. Im Ergebnis kündigten rd. 50 % der Berufsoffiziere nicht in der NVA, sondern "rutschten" so für eine Übergangszeit in das sog. "Bundeswehrkommando Ost" unter General Schönbohm. Etwa 25 % der 1988 aktiven Offiziere begehrten in die "richtige" Bundeswehr übernommen zu werden. Unter dem Strich wurden rd. 15 % der ursprünglichen Anzahl der Offiziere dieser Wunsch vorrübergehend gewährt, auf Dauer dienten ca. 7 % der NVA - Offiziere in der Bundeswehr, siehe: Abbau in den 90er Jahren.

Zum Vergleich:
Der Bevölkerungsanteil Ostdeutschlands an der größer gewordenen BRD beträgt knapp 20 %, im Krieg kämpfen bereits 49% Ossis. Damit unterscheiden sich die US-Streitkräfte und ihr "kleiner Bruder" hinsichtlich der sozialen Zusammensetzung nicht mehr: In beiden Streitkräften sehen die "underdogs", die Schwarzen und Latinos in den USA und die Ostdeutschen in der BRD, ihre Chance auf Job, Ausbildung und Aufstieg. Folglich dienen sie deutlich überproportional beim Militär in niederen Diensträngen. Höhere Dienstgrade sind aus diesen Schichten nur wenigen Vorzeige-Leuten vorbehalten.

Mich irritierte in der Übergangszeit vom 9.11.1989 bis 3.10.1990 eigentlich nur, daß so viele höhere Offiziere, einschließlich einer ganzen Reihe von Generalen, von der Bundeswehr "träumten", da hatte mancher Jungleutnant mehr Rückgrat gezeigt.

Während ich die Grenzöffnung "verschlafen" habe, habe ich noch in der Nacht zum Samstag, den 11.11.1989, einen Kollegen zum sog. "Polenzug" gefahren, damit er früh nach Westberlin fahren konnte. Ich selbst, war zwar auf den "Westen" neugierig, hatte am Samstag jedoch Flugdienst. Nach der Erinnerung eines Blog-Lesers wurde am Mittwoch, den 15.11.1989, bekannt gegeben, daß nunmehr Armeeangehörige auch offiziell in das kapitalistische Ausland reisen dürfen. Dazu sei es ab sofort möglich, den mit Beginn des Wehrdienstes eingezogenen Personalausweis abzuholen. Als Berufssoldaten hatten wir unseren Personalausweis bereits am Mann. Die Masse der Offiziere meines Geschwaders ist nach meiner Wahrnehmung am Mittwoch, den 22.11.1989, nach Westberlin ... woher sollten sie auch den Buß- und Bettag mit geschlossenen Geschäften und Banken kennen?! :-D

Nach dem Stempel in meinem Personalausweis, erhielt ich über meinen Vater das "Visum gemäß Antragstellung" am 16.11.1989. Am Donnerstag, den 23.11.1989, tauschte ich noch vor dem Flugdienst bei der Staatsbank der DDR 15,- DDR-Mark in 15,- DM "Zehrgeld" ein. Ich bin dann am Mittwoch, den  29.11.1989, das erste Mal rüber, übrigens in Begleitung des zuerst genannten Kollegen, der sich ja schon auskannte ;-) Selbiger lotste mich zu einem Postschalter, wo ich ohne längeres Schlangestehen die 100,- DM "Begrüßungsgeld" ausgehändigt bekam.  Ich war etwas irritiert, als einige Tage später die westallierten Stadtkommandanten es noch  explizit für nötig hielten, den NVA - Angehörigen Besuchsreisen in ihre Verwaltungssektoren in Westberlin zu gestatteten. Mein Staffelkommandeur verkündete beim "Antreten auf dem Flur" eine entsprechende Erlaubnis der NVA - Führung und hob das besondere Vertrauen her ... dabei waren alle, Staffelkommandeur incl., schon in Westberlin gewesen. Daher hielt ich das jahrelang für eine "spinnige Idee der da Oben". Das mit den westlichen Stadtkommandanten wußte ich damals noch nicht.

Im Dezember 1989 war ich noch 2x in Westberlin, um - jeweils als nun "erfahrener Westberlinbesucher" ;-) - einen Freund und meine Eltern zu begleiten. Beim letzten Mal, es muß die Woche vor Weihnachten gewesen sein und wir sind über Spandau rein, da wurde auf DDR - Seite wieder "richtig" (zollmäßig) kontrolliert. Und da ich der einzige Ossi ohne Beutel mit Bananen war, wurde ich "gefilzt" .... bekam aber mein "Penthouse" wieder :-D Mein Interesse am Westen war mit diesen Besuchen erloschen bzw. meine Neugierde befriedigt.

Die Stimmung kippte in der NVA zwischen Weihnachten und Silvester 1989 / 1990. Es kam nun vereinzelt zu Befehlsverweigerungen, Streiks und Meutereien, vor allem begann eine "Massenflucht" der Offiziere aus der SED, der sie bis dahin zu fast 100% angehörten. Schließlich war am 1. Dezember 1990 die "führende Rolle" der SED aus der Verfassung (Art. 1) gestrichen worden. Es brachte keine Vorteile mehr, in der SED zu sein. Mein Staffelkommandeur fuhr - nach meiner Erinnerung - bereits Ende Februar 1990 "privatdienstlich" - noch vor der schicksalsschweren Volkskammerwahl - auf einen westdeutschen Militärflugplatz, um schon einmal Kontakte zu knüpfen. Ich meine mich an seine begeisterte Schilderung am "Tag der NVA" im Bierzelt vorm Ledigenwohnheim zu erinnern. Der 1. März 1990 war damals ein schon richtig warmer Tag. Nach seiner Erinnerung war die Urlaubs - Fahrt "erst" über Ostern, d.h. zwischen 13. und 15. April 1990, wenn ich unterstelle, daß Ostermontag noch kein Feiertag war. Jedenfalls war er mit zwei weiteren Flugzeugführern und einem Techniker beim westdeutschen JG-74 in Neuburg. In deren 2. Staffel war ein Kennenlernprogramm mit Vorführungen des F-4E organisiert worden ... über Ostern?!?

Das wir verloren hatten, wurde mir erst endgültig bei der Vorbereitung der Volkskammerwahl am 18. März 1990 bewußt. Es gab eine Offiziersversammlung im Regimentsklub, bei dem sich die oppsitionellen Parteien ("Allianz für Deutschland") vorstellten. Sowohl deren (oft naiven) Statements als auch die peinlichen Reaktionen aus der Zuhörerschaft, machten mir klar: Das kann wirklich nichts mehr werden. Am Wahltag habe wir gegrillt ...

Am 16. April 1990 erklärte der letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, gegenüber seinen Vorgesetzten, der Bundesregierung, "dass er die Nationale Volksarmee (NVA) nicht auflösen könne, weil die entlassenen Offiziere und Unteroffiziere ein Sicherheitsrisiko für ihn und seine Regierung bedeuten würden", vgl. auch 2plus4.de.

Im 23. April 1990 fuhr ich das erste Mal durch Westdeutschland, in einem Reisebus nach Spanien. Der Urlaub endete am 2. Mai 1990 und hatte mich so beeindruckt, daß ich später öfters in Spanien war und letztens im gleichen Hotel wieder urlaubte.

Am 2. Mai 1990 findet eine Kommandeurstagung der NVA statt. Minister Eppelmann erklärt: "Was die NVA betrifft, so wird sie nach meiner Auffassung so lange weiterbestehen wie in Europa zwei Militärbündnisse, die NATO und der Warschauer Pakt, existieren." Die Auflösung des Warschauer Vertrages erfolgte "erst" am 1. Juli 1991. Auf dieser Kommandeurstagung konnte der Minister die anwesenden Offiziere der NVA "beruhigen". „Als Mann der Friedensbewegung", sagte er dort, „brauche ich eine realistische Betrachtung." Er wünsche sich kein entmilitarisiertes Deutschland. Deshalb spreche er sich für die „sicherheitspolitische Selbständigkeit" der DDR und die „Fortexistenz" der NVA aus. Nur jeder dritte Offizier werde gehen müssen. Generalleutnatn Süß meinte anschließend: »Überhaupt befinde sich die NVA in einem "bestimmten Stabilisierungsprozeß". Zwar habe er, Süß, „schlaflose Nächte" durchgemacht, dies aber, weil er bis vor einem Monat für die Militärreform verantwortlich gewesen sei. Doch nun schöpfe er Hoffnung, denn die Regierung sei „in Ordnung", Eppelmann „vernünftig". Der Geschwaderkommenadeur des JG-3, Oberstleutnant Kilian, meinte: "Eppelmann hat uns die Perspektivangst genommen".

Im weiteren Verlauf des Mai ging es dann quasi im Staffelverband für einen Tag auf die ILA in Hanover (15.-20.05.1990) und die Woche drauf zum Tag der offenen Tür der US-Air Force in Berlin - Tempelhof (24.-28.05.1990).

Am 1. Juni 1990 fand eine Offiziersversammlung im Regimentsklub statt. Dort wurden wir nach meinen Aufzeichnungen u.a. über folgende Pläne informiert:
- Die NVA erhält einen "territorialen Sonderstatus" innerhalb der NATO.
- Für 1991/1992 wäre eine Stärke der NVA i.H. von 100.000 Mann und ab 1995 von 70.000 Mann geplant.
- Die Einrichtung einer "Militärabwehr" erfolgt auf Ebene Division, Für die 1. LVD unter Leitung von OSL Stimme.
- Ab 01.07.1990 gäbe es "freie Markwirtschaft" für Verpflegung. Der Verpflegungssatz betrage dann 5,50 DM pro Tag, es erfolge wahrscheinlich keine Auszahlung mehr.
- Ab 01.12.1990 träte der "STAN 93" in Kraft. Die erst geschaffenen "Fliegerbasen" hießen dann "Fliegerhorste".
- Ab 01.07.1990 gehören die Grenztruppen der DDR zur Polizei und ab dem 01.12.1990 würden sie "Grenzschutz" heißen und zum Schutz der EG-Grenzen beitragen.
- Berufoffiziere die kündigen, würden entweder zwei Jahre bezahte Berufvorbereitung in einem Betrieb erhalten, oder zwei Jahre von der Armee bezahltes Studium.
- Es erfolge eine Angleichung an bundesdeutsche Verhälnisse.
- Statt "Fotografieren vor der Truppenfahne" gäbe es nun die Auszeichnung "Fotografieren vor der Kampftechnik".

An Übungen / Maßnahmen war u.a. geplant:
- 16. bis 20.07.1990 "Granit 90"
- 20. bis 29.08.1990 "Druschba 90"
- 17. bis 19.09.1990 Kommandostabsübung
- an 1991 wieder Reservistenausbildung und Mobilmachungsübungen.

Wenn ich mich richtig erinnere, kamen bereits im Juni die ersten Bundeswehrsoldaten zu einem Besuch auf Arbeitsebene. Am 30. Juli 1990 sendet der Minister für Abrüstung und Verteidigung, Rainer Eppelmann, zur Beruhigung der Armeeangehörigen ein Fernschreiben an alle Kommandeure: „Die Nationale Volksarmee, ganz gleich wie ihre künftige Bezeichnung Struktur und Stärke sein sollte, hat aus meiner Sicht eine Zukunft auch im vereinten Deutschland. Sie wird auf dem Territorium der jetzigen DDR u.a. Aufgaben zur Aufrechterhaltung der äußeren Sicherheit zu erfüllen haben.“

"Wir haben etwas einzubringen, wir müssen uns teuer verkaufen"
OSL Sonntag, Leiter FID, 1. Juni 1990

Ich habe dann zum 30. September 1990 gekündigt.


letztes update: 17.11.2012

Sonntag, 17. April 2011

Herbst 1989 - Begrüßungszeitung

Als in den Nachtstunden des 9. November 1989 die ersten DDR-Bürger in Westberlin ankamen, staunten sie nicht schlecht über die gute Vorbereitungsarbeit des Westberliner Senates. So war nicht nur die freie Fahrt mit DDR-Personalausweis mit öffentlichen Verkehrsmitteln geregelt, es stand ausreichend Begrüßungsgeld i.H. von 100,- DM zur Verfügung und jeder bekam kostenlos eine Begrüßungszeitung in die Hand gedrückt, deren Druckfahnen der Regierende Bürgermeister von Westberlin tagsüber beim Springer-Konzern abgenommen hatte.Auch wenn das in den ersten Stunden und Tagen noch nicht überall reibungslos geklappt haben wird, war es doch eine beeindruckende, logistische Leistung und Resultat der nach dem 29. Oktober 1989 durch den Senat gebildeten Arbeitsgruppe. Damit standen dem freudig überraschten DDR-Bürger Geld für Bücher, Bananen und "Beate Uhse" sowie wichtige Informationen zur Verfügung.Beim heutigen Aufräumen, fiel mir "meine" Begrüßungszeitung vom 24. November 1989 wieder in die Hände. Ihr offizieller Titel: "BERLININFO" "EXTRA". Als Herausgeber zeichneten "Verkehrsamt Berlin und BERLINER MORGENPOST", Verantwortlicher : "Birger Schaal", Druck "Axel Springer Verlag AG, Berlin".

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Anteilscheine am Volksvermögen

"Volkseigentum in Volkes Hand"
Ja, es gab die Idee, das Volkseigentum der DDR durch Anteilscheine auf jeden Bürger (Mann, Frau, Kind und Greis) zu einem Stichtag zu verteilen. Das wurde beispielsweise in Russland so praktiziert, woraus eine neue Schicht des nationalen Bürgertums (Oligarchien) entstand, von Leuten, die wussten, welche Anteilscheine was bringen und diese billig von der Bevölkerung aufkauften. Zeitweise wurde dies in der Tschechoslowakei ebenfalls praktiziert.

Nach verschiedenen Schätzungen betrug das DDR-Substanzeigentum, d.h. alles Eigentum außer privatem (einschließlich kirchlichen) und genossenschaftlichem, 1989 / 1990 zwischen 900 Mrd. und 1,7 Billionen DM. Das waren etwa zwischen 50.000 und 100.000 DM je Einwohner. Dieser Betrag in Anteilsscheinen hätte den DDR - Bürgern einen guten, auf jeden Fall deutlich besseren Start in der BRD-Wirklichkeit ermöglicht.

Im Einzelnen wurden der Wert von Grund- und Boden und die darauf befindlichen Einrichtungen wie folgt geschätzt:

- staatlichen Industriebetriebe mit ca. 600 bzw. 625 Mrd. DM,
- Verkehrs-, Post- und Fernmeldewesens ca. 192 Mrd. DM,
- die 3,3 Millionen volkseigene Wohnungen mit insg. 150 Mrd. DM,
- Gesundheits-, Sozial- & Bildungswesen, Kultur & Sport mit 120 Mrd. DM,
- NVA und Grenztruppen zwischen 98 und 200 Mrd. DM,
- Volkseigene Güter und Betriebe der Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft mit 74 Mrd. DM,
- Handel, Gastronomie und Tourismus 64 Mrd. DM,
- Diplomatischer Dienst sowie Ämter und Behörden 42 Mrd. DM.

In dieser Schätzung war das Vermögen der Staatsbank und vermutlich die Schalk-Milliarden nicht enthalten. Manfred Behrend weiter dazu: »In der Land- und Forstwirtschaft waren und sind zu Privatisierungszwecken jene 40 Prozent der Ackerfläche und die Wälder interessant, die dem Staat gehörten. Das Vermögen der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften ging im Umwandlungsprozeß zu zwei Dritteln verloren.

Die Zusammenstellung ist lückenhaft. Sie macht gleichwohl hinreichend deutlich, daß den neuen „Siegern der Geschichte“ mit der DDR der größte Wertzuwachs nach dem zweiten Weltkrieg zuteil wurde. Wenn ein beträchtlicher Teil des neu angefallenen Reichtums verludert worden oder sonstwie verloren gegangen ist, muß das den Verursachern angekreidet werden, nicht dem verflossenen SED-Regime«

»Am 12. Februar 1990 befasste sich der Runde Tisch mit der Vorlage Nr. 12/29, die den Vorschlag des "Freien Forschungskollegiums" zur "umgehenden Bildung einer Treuhandgesellschaft (Holding)" enthielt … "Als erste Handlung", hieß es in der Vorlage, "müsste diese Holding-Gesellschaft gleichwertige Anteilsscheine im Sinne von Kapitalteilhaber-Urkunden an alle DDR-Bürger emittieren. (...) Das heißt, das die Kompetenzen und Aufgaben definierende Statut dieser Treuhandgesellschaft müsste durch die neu gewählte Volkskammer (solange es diese gibt) oder später durch Volksentscheide der Bürger in den Ländern der ehemaligen DDR definiert werden"« (Das Parlament; s.a.: Text der Vorlage).

»Die Vorlage wurde an die "Arbeitsgruppe Wirtschaft" des Runden Tisches sowie an die Arbeitsgruppen "Recht" und "Verfassung" überwiesen … und auch an Modrow geleitet. Der Vorschlag des "Freien Forschungskollegiums", vorgelegt von Gerd Gebhardt, in der Öffentlichkeit aber vor allem mit dem Mitglied des Forschungskollegiums und Minister ohne Geschäftsbereich Wolfgang Ullmann in Verbindung gebracht - fand ein breites Medienecho, … das sich vor allem auf die Ausgabe verbriefter Anteile am "Volkseigenen Vermögen" an alle DDR-Bürger bezog … Die Vorschläge Krauses [des vormaligen stellvertretenden Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission, Wolfram Krause; Veith] und der "Arbeitsgruppe Wirtschaftsreform" nahmen die Idee einer "Treuhandstelle" aus dem Vorschlag des "Freien Forschungskollegiums" bzw. des "Schatzamtes" aus den internen Überlegungen auf, nicht aber den Vorschlag für eine Anteilsscheinregelung zugunsten der DDR-Bürger.«

Fn. 28 »Dass die Anteilsscheinregelung aus dem Vorschlag des "Freien Forschungskollegiums" vom Ministerrat nicht übernommen wurde, führte Krause später auf die erheblichen organisatorischen Probleme zurück, welche die Umsetzung dieses Vorschlags mit sich gebracht hätte (im Interview des Verf. vom 24.2. 1993)« (Das Parlament).

Die Idee der Anteilscheine war damals populär, wie auch folgende Äußerung ahnen lässt. Prof. Dr. Jörg Roesler meinte im Jahr 2001 dazu im Rahmen des Themas: „Eigentumsvorstellungen und –politiken der Belegschaftsvertreter und des Leitungspersonals der volkseigenen Industrie in der Wende“ u.a.: »Während eine wachsende zahl von Belegschaftsvertretungen Mitarbeitereigentum in Form von Anteilscheinen am Betrieb forderten, favorisierte die innerhalb des Leitungspersonals dominierende Gruppe der Kombinatsmanager unveräußerliches Konzerneigentum, das mehrere Betriebe oder sogar Wirtschaftszweige umfasste. Wieweit diese Anteilscheine privates oder genossenschaftliches Eigentum darstellen sollten war unbestimmt.«

Lt. dem Spiegel wurde damals durch das o.g. „Freie Forschungskollegium“ sogar ein Anteilschein mit folgendem Inhalt entworfen:

»* Vermögens-Anteil-Urkunde an einem 16millionstel Anteil am Volkseigentum der DDR zugunsten, Name, Vorname, geboren am ... ausgegeben am ...

Und darunter der sachdienliche Hinweis:
* Diese Urkunde (und nicht Ihre Ersparnisse) geben Sie in Zahlung, wenn Sie Ihre volkseigene Wohnung als Eigentumswohnung erwerben wollen. Mietwucher wäre dann kein Thema mehr für Sie. Wenn Sie ein Gewerbe eröffnen wollen, brauchen Sie Geschäfts- oder Betriebsräume. In einem der vielen unrentablen VEBs werden Sie Ihren Raum finden. Sie erwerben ihn mit Ihrer Vermögensurkunde.«

Trotz der „organisatorischen Bedenken“ des Herrn Kraus lebte der Gedanke an (abgespeckte) Anteilsscheine in „Höchsten Kreisen“ fort, vgl. folgendes Zitat:

Helmut Kohl: »“Ja, wir glaubten sogar, daß wir, nachdem wir einen abschließenden Überblick über das DDR-eigene Vermögen haben würden, an die Bevölkerung Anteilscheine ausgeben könnten.“
Der Kanzler spricht damit Kapitel II, Artikel 10 des Vertragswerkes zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion an. Es heißt dort: „Nach einer Bestandsaufnahme des volkseigenen Vermögens und seiner Ertragsfähigkeit sowie nach seiner vorrangigen Nutzung für die Strukturanpassung der Wirtschaft und für die Sanierung des Staatshaushaltes wird die Deutsche Demokratische Republik nach Möglichkeit vorsehen, daß den Sparern zu einem späteren Zeitpunkt für den bei der Umstellung 2 zu 1 reduzierten Betrag ein verbrieftes Anteilsrecht am volkseigenen Vermögen eingeräumt werden kann.“

„Auch der erste, Später ermordete Präsident der Treuhandanstalt, Detlev Carsten Rohwedder“ - so Kohl weiter -, „ging zu Beginn seiner Amtszeit 1990 noch von einem Netto - Industrievermögen der DDR in Höhe von 600 Milliarden D-Mark aus“ (Rechtschreibfehler im Original; Veith).

Es ist zu beachten, dass diese Schätzung „Netto - Industrievermögen der DDR in Höhe von 600 Milliarden D-Mark“ der Eingangs genannten Wert der „staatlichen Industriebetriebe“ entspricht und in der Summe eben 1,7 Billionen DM herausgekommen wären.

Wie schrieb ein Torsten Hampel in den „Potsdamer Neusten Nachrichten“ zwanzig Jahre später so schön, wenn auch etwas ungenau: »Das stärkere System hatte sich durchgesetzt. Es hatte sich durchgesetzt um den Preis, dass die DDR-Wirtschaft vom Tag dieser Währungsunion an wertlos sein würde … Die volkseigenen Grundstücke würden zwar immer noch einen Wert haben, aber die volkseigene Industrie eben nicht mehr. Das DDR-Vermögen würde halbiert, und die Anteilsscheinidee damit auch. Endgültig begraben wurde sie dann am 17. Juni von der Volkskammer. Die Schaffung von ostdeutschem Privateigentum sah das Gesetz nicht mehr vor.«

Damit wird der Auftrag der sog. „Treuhandanstalt“ spätestens nach der ominösen Ermordung ihres Präsidenten, Herrn Rohwedder, überdeutlich: Verhinderung der Schaffung neuer „nationaler“ Strukturen mit DDR-Vermögen und Umverteilung des DDR - Vermögens von Ost nach West.

Die notwendige Begleit – Propaganda besorg(t)en die Westpolitiker, ihre Medien und jede Menge willige Helfer.


Verwendete Links:http://www.glasnost.de/autoren/behrend/mabehr.html
http://www.bundestag.de/dasparlament/2010/11/Beilage/006.html
http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/roesler.pdf
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8654148.html
http://www.2plus4.de/chronik.php3?date_value=18.05.90&sort=001-001
http://www.pnn.de/dritte-seite/301676/

Hinweis:
Hervorhebungen und Verlinkungen sind stets von mir. Die Message / Aussage der Publikationen aus denen ich zitiere, mache ich mir regelmäßig nicht zu eigen.

Interne Links:http://ddr-luftwaffe.blogspot.com/2008/06/reperation-deutschlands-nach-dem-2.html
http://ddr-luftwaffe.blogspot.com/2009/05/mauerfall-9-november-1989.html
http://ddr-luftwaffe.blogspot.com/2009/12/staatsverschuldung-ddr.html
http://ddr-luftwaffe.blogspot.com/2010/10/putsch-gegen-die-deutsche-einheit-ii.html
http://ddr-luftwaffe.blogspot.com/2010/05/wohnungs-marktregulierung.html

Samstag, 2. Oktober 2010

Putsch gegen die deutsche Einheit II

Der Dokumentarfilm "Putsch gegen die deutsche Einheit" aus dem Hause Guido Knoop lief letzten Sonntag im ZDF. Die m.E. inhaltlich schlecht umgesetzte Doku über die Tage vor der Unterzeichnung des 2+4-Vertrages hat einen Ahha-Effekt ausgelöst ... sorry, bei mir dauert es gern etwas länger:

Die mutmaßlichen und tatsächlichen Putschisten von 1990 und 1991 waren allesamt Gorbatschow-Leute, die lediglich erkannten, auf das falsche "Pferd" gesetzt zu haben, nämlich auf die Union.

Während ihre konkurrierenden "Reformer" sich in den Teilrepubliken, vor allem Rußland selbst, die Pfründe sicherten und zu Lasten der Union massiv ausbauten, zerfiel "ihre" Union und sie sahen sich ins politische "Nichts" fallen. Das löste ihre inkonsequenten Aktionen aus. Gorbatschow selbst spielte - wie im Film auch deutlich gesagt wird - mit den Putschgerüchten, um seine Leute (wieder) um sich zu scharren und ggf. die eine oder andere Milliarde mehr vom Westen zu bekommen, um die Folgen seiner desaströsen Politik zu überdecken und z.B. Lohnzahlungen sicherzustellen.

Wenn ich noch dazu bedenke, daß die Putschgerüchte 1990 von lediglich zwei Majoren der Luftlandetruppen und einer ihrer Vertrauensleute im Obersten Sowjet geschürt wurden, dann weiß ich auch nicht, was ich von diesem Gerücht zu halten habe.

Mein Fazit: Es gab 1990 bereits keinen Akteur der Willens und Fähig war, die alten, sozialistischen Verhältnisse wieder herzustellen, alles was sich abspielte, waren Verteilungkämpfe innerhalb der Gorbatschow-Leute. Der Anschluß der DDR an die BRD war zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr in Gefahr, es ging höchstens noch um den Preis - und hier auch nur noch um Peanuts.

In der DDR würde ich diesen "Point of no Return" auf den Sonderparteitag der SED am 9. Dezember 1989 legen, als die "Reformer" endgültig an die "Macht" kamen und Anfang des Jahres 1990 versuchten ihren am 4. November 1989 auf dem Alex artikulierten "Führungsanspruch" unter den gegebenen Bedingungen über eine Konföderation mit der BRD zu sichern.

Es ist zuzugeben, daß nicht allen Akteuren das damals wohl selbst so klar war.
Link: http://ddr-luftwaffe.blogspot.com/2010/09/putsch-gegen-die-deutsche-einheit.html

Sonntag, 19. September 2010

Putsch gegen die Deutsche Einheit

Pünktlich zum 20. Jahrestag der "Deutschen Einheit" prasselt eine Flut von Propaganda - Sendungen auf uns nieder, in "meiner" Fernsehzeitung liebevoll als "Jubiläums-TV" bezeichnet. Da ich den 20. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik bereits aktiv erlebt habe, drängen sich Vergleiche gerade zu auf ;-)

In dieser Flut ragt ein Beitrag heraus, der es vielleicht - aufgrund des Inhalts, seiner ungünstigen Sendezeit und minimalistischen Erwähnung in "meiner" Fernsehzeitung - wert ist, hervorgehoben zu werden:

"Putsch gegen die deutsche Einheit" aus der öffentlich - rechtlichen Reihe "History" am Sonntag, den 26. September 2010, um 0.05 Uhr (also am Montagmorgen) im ZDF.

Der Film geht - lt. Ankündigung - der Frage nach: "Wollten sowjetische Militärs die Wiedervereinigung verhindern?" und "Was planten die Sowjets für den Fall X?". Klingt nach etwas für den Verstand und den DVD-Recorder. Mal sehen, was das Team von Guido Knopp in 25 Minuten wissenswertes zusammengetragen hat. Wie jetzt, Guido Knoop und wissenswert?! Mal sehen, was das ZDF dazu schreiben:

»Am 9. September 1990 erhalten sechs Regimenter russischer Fallschirmjäger den Befehl zur Eilverlegung nach Moskau - in voller Kampfausrüstung und mit scharfer Munition ... Die Fallschirmjäger beziehen strategische Stellungen rund um die Hauptstadt ... Nur drei Tage nach der Truppenverlegung steht die Unterzeichnung des Zweiplusvier-Vertrags an, mit dem Moskau der deutschen Einheit zustimmt ... ZDF-History untersucht, wie real die Umsturzgefahr schon im September 1990 war - und welche Konsequenzen ein früherer Putsch gegen Gorbatschow für den Prozess der Wiedervereinigung gehabt hätte.«

Schade, klingt auch nur nach Desinformation. Spannend wären die Ereignisse ein Jahr zuvor um den 9. November 1989 gewesen, vgl.:
http://ddr-luftwaffe.blogspot.com/2009/05/mauerfall-9-november-1989.html
http://ddr-luftwaffe.blogspot.com/2009/04/vor-dem-mauerfall-wie-der-kremel-die.html
Vielleicht läßt sich ja etwas zwischen den Zeilen lesen. Hierzu empfehle ich bspw. "Botschafter der Angst" (MGM, 08.10.2010, 20.15 Uhr). In diesem Spielfilm aus 1962 wird von armen US-Korea-Heimkehrern berichtet, die von den bitterbösen Kommunisten einer Gehirmwäsche unterzogen wurden ... tragischerweise - und das wird nicht in diesem Film gezeigt - war es genau umgekehrt: u.a. heimgekehrte Kriegsgefangene wurden brutalem Menschenversuchen unterworfen ... von der CIA, Stichworte: Operation Artischocke, MKULTRA, BLUEBIRD.
Weiterführender interner Link:http://ddr-luftwaffe.blogspot.com/2010/10/putsch-gegen-die-deutsche-einheit-ii.html

Dienstag, 6. Oktober 2009

NVA - Zeitzeugen 9.11.1989

Mir wurde per E-Mai folgende Suchanfrage zugestellt:

» .... wir suchen für eine Sendung einen Zeitzeugen, der den Mauerfall 1989 bei der NVA erlebt hat. Der Zeitzeuge sollte möglichst in Berlin wohnen ... Es eilt ein bisschen ...

Herzlichen Dank!

DeutschlandRadio Kultur/Deutschlandfunk Köln
Landesstudio Berlin
Hans-Rosenthal-Platz
110825 Berlin«

update (26.10.2009)
Hat sich erledigt, Interviewpartner wurde gefunden.

Sonntag, 10. Mai 2009

Mauerfall - 9. November 1989

Mein 9/11
Der 9.11.1989 war ein Donnerstag, damit einer der üblichen 12-Stunden-Arbeitstage in Preschen. Ich vermute, daß von 10.00 - 16.00 Uhr geflogen wurde, mithin sah der Zeitplan für das ITP vor: 6.25 Uhr zum Arbeitsbeginn und 18.00 Uhr zum Arbeitsende "Antreten". Da wir jedoch zum Verdruß der "FID-Abteilung" des Geschwaders - die nicht zu Unrecht "verkürzte" Nachflugkontrollen vermuteten - stets schneller waren, war ich wahrscheinlich bereits 18.00 Uhr zu Hause: Ausziehen, waschen, etwas Abendbrot, Flimmerkiste an.

Im DDR - Fernsehen wurde live eine Pressekonferenz übertragen. Gegen Ende der einstündigen Sendung, kurz vor 19.00 Uhr, verkündete Günter Schabowski u.a., daß eine Regelng zur ständigen Ausreise aus der DDR getroffen sei und diese es möglich mache, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen. Da ich nicht die Absicht hatte, die DDR dauerhaft zu verlassen - gegen einen Ku'damm - Besuch hätte ich naheliegend nichts gehabt - interessierte mich die Aussage nicht weiter und ich ging ins Bett. Am nächsten Tag war allgemeiner 8-Stunden-Arbeitstag, hier: "Technischer Dienst" angesagt, denn Samstags wird wieder geflogen ....

Als ich am nächsten Morgen aufstand und in der Küche "Jugendradio" anschaltete, hörte ich Berichte von Rückkehrern aus Westberlin und dachte mir noch: "Ach, so war das gemeint!" Erst viele Jahre später wurde mir bekannt, daß sich die Möglichkeit von bloßen Besuchsreisen aus dem von Schabowki vorgelesenen Text herleitete: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen ..." Zudem wird berichtet, daß die vier Offizieren des MdI bzw. MfS, welche diese Worte formulierten, den ursprünglichen Text zur "ständigen Ausreise", um die Möglichkeiten von Besuchsreisen selbständig ergänzt hätten.

Natürlich wäre weiterhin zum Verlassen der DDR, als ständige Ausreise oder Besuchsreise, ein gültiges Visum im Reisepaß oder als Übergangsregelung eine entsprechende Genehmigung durch die Paß- und Meldeämter der Volkspolizei notwendig gewesen. In dieser Mitteilung waren diese Selbstverständlichkeiten lediglich nicht explizit ausgeführt. Die Regelung sollte auch nicht "sofort", sondern erst am folgenden Freitag um 04.00 Uhr in Kraft treten und im Laufe des Vormittags bekannt gemacht werden. Damit sollte den zuständigen Stellen - von Volkspolizei bis Grenztruppen - Gelegenheit gegeben werden, sich auf die neue Situation vorzubereiten. Mit den ersten größerem Ansturm bei den Paß- und Meldeämter wurde ab Montag gerechnet und einem geregelten Reiseverkehr ab den Vorweihnachtstagen des Jahres 1989. Der entsprechende Sperrvermerk wäre von Egon Krenz - nach den Autoren Blasius und Loth - "ohne es überhaupt zu merken", nach Schabowski mit den Worten: „Gib das bekannt. Das wird ein Knüller für uns.“, nach Krenz mit den Worten: „Das ist doch die Weltnachricht.“, aufgehoben worden. Ziel der Regelung, war zweifellos eine "Ventillösung", womit der erst einmal "Druck vom Kessel" genommen werden sollte.

Das ist nun gänzlich schief gelaufen. Warum?

Das Vorspiel:
Nun, es war nicht die erste "Ventillösung" im Zusammenhang mit der Krise in der DDR. So fuhren im Herbst 1989 mehrfach Züge mit insgesamt 17.000 Flüchtlingen von Prag über die DDR in die BRD, da die Botschaft gleich mehrmals neu besetzt worden war. Im BRD- Fernsehen wurde über diese und andere neue "Ausreisemöglichkeiten" ausführlich und fast drängend berichtet. Ministerpräsident Stoph hatte Innenminister Friedrich Dickel bereits am 19. Oktober - nur ein Tag nach Bekanntgabe des Rücktritts von Erich Honecker - beauftragt, ein neues Reisegesetz zu erarbeiten. Weitere fünf Tage später, wurde bekannt gegeben, dass es "in der Zukunft allen DDR-Bürgern erlaubt sein wird, ohne Behinderungen zu reisen". Problematisch war vor allem das Fehlen einer freikonvertierbaren Währung, die DDR war außerstande genügend westdeutsche "DM" zum Reisen bereit zu stellen.

Am 29. Oktober 1989 sprach Schabowski mit dem Regierenden Bürgermeister von Westberlin, Walter Momper, und dessen Senatskanzlei-Chef, Dieter Schröder, von der Absicht die Grenze im Dezember zu öffnen. Thema des Gesprächs waren bereits technisch-organisatorische Fragen. Daraufhin wurde beim Westberliner Senat eine Arbeitsgruppe gebildet, die entsprechende Maßnahmen vorbereitete. Dadurch war vieles mit "Maueröffnung" bereits geregelt und ausreichend Begrüßungsgeld und Begrüßungszeitungen des Westberliner Senates vorhanden. Der erste Entwurf eines neuen Reisegesetzes lag am 31. Oktober vor, wurde am 6. November veröffentlicht und zur Diskussion aufgerufen.

Die DDR konnte ihren Bürgern jedoch weiterhin nicht mehr als die 15,- DM "Zehrgeld" versprechen, die bereits bei Westreisen gezahlt wurden. Daran konnte auch das neue Reisegesetz nichts ändern. Am selben Tag (6.11.1989) treffen sich bereits zum zweiten Mal Schalck-Golodkowski, Seiters und Schäuble. Schalck-Golodkowski bittet zur Lösung des Devisenproblems um einen Sofortkredit i.H.v. 10 Mrd. DM, dh. um ca. 650 DM pro DDR-Bürger.

Der Verfassungs- und Rechtsausschuß und die in der Volkskammer vertretene FDJ lehnen den Entwurf des Reisegesetzes ab. Je ein bis zwei Vertreter des "Neuen Forum", "Demokratie Jetzt", "Demokratischer Aufbruch" und der SDP treffen sich an diesem Tag zu Gesprächen mit dem US-Botschafter in der DDR. In einer Diskussion im DDR-Fernsehen kritisierte der damals der Bevölkerung noch weitgehend unbekannte Gregor Gysi den Gesetzentwurf scharf. Am Abend skandieren Demonstranten u.a.: »In dreißig Tagen um die Welt – ohne Geld!« Die Ablehnung des Entwurfs führte zum Rücktritt der DDR-Regierung, die die Amtsgeschäfte ab dem 7. November nur noch kommissarisch fortführte.

Im "Bericht zur Lage der Nation" vor dem westdeutschen Bundestag am 8. November 1989, entzieht der BRD - Bundeskanzler, Helmut Kohl - nach Rücksprache mit den USA - der DDR jede finanzielle Unterstützung, denn man wolle nicht "unhaltbare Zustände stabilisieren". Gefordert wird eine "grundlegende Reform der politischen Verhältnisse", die "verbindlich festgelegt" werden sollten. Die neue DDR - Führung steht unter "maximalen Druck". Das öffentliche Leben in der UdSSR ist noch von den Feierlichkeiten zur Oktoberrevolution weitgehend lahmgelegt. Gorbatschow erst in den Morgenstunden des 10. November 1989 erreichbar.

Operation "Mauerfall":
Als am 9. November 1989, 18:52:40 Uhr, der italienische Journalist Riccardo Ehrman (ANSA; ehem. AP) die - nach eigener Aussage - abgesprochene Frage nach dem Reisegesetz gestellt hatte, stellt der Bundeswehr - Oberleutnant d. R. und damalige BILD-Korrespondent, Peter Brinkmann, die entscheidenden Fragen:
  • "Ab sofort? Ab ...?" und
  • Sie haben nur BRD gesagt, gilt das auch für West-Berlin?"
Günter Schabowski erinnerte sich später: "... kamen seine Fragen wie aus der Pistole geschossen." Mit diesen Fragen werden die Probleme einer Lösung zugeführt. Durch die von Schabowski gestammelten Worte "sofort, unverzüglich" und die Bejahung der Ausreise über die Grenzübergangsstellen zu Westberlin werden sie im Sinne der BRD gelöst: Die DDR - Organe haben keine Möglichkeit mehr, sich auf die neue Regelung einzustellen und Berlin, wo sich über die West - Medien innerhalb kurzer Zeit sich eine große Menschenmasse mobilisieren läßt, ist ausdrücklich einbezogen.

Obwohl Riccardo Ehrmann seine Nachricht über die neue Grenzregelung als Erster meldet, bleibt es unmittelbar noch ruhig. Keiner der anwesenden Journalisten wußte mit Schabowskis Ankündigung so recht etwas anzufangen. Sowohl die 19.00 Uhr beginnende "Heute"- Sendung des ZDF als auch die 19.30 Uhr beginnende "Aktuelle Kamera" des DDR-Fernsehens bleiben nahe an der ADN-Meldung und verweisen lediglich auf die Möglichkeit der Ausreise. Es wird hervorgehoben, dass „Privatreisen nach dem Ausland ab sofort und ohne besondere Anlässe beantragt werden können“. Im ZDF rangierte die Meldung sogar erst an 6. Stelle und wurde um 19.17 Uhr gesendet. Walter Momper, der über die geplante Regelung grundsätzlich Bescheid weiß, meint um 19.35 Uhr in der SFB-Abendschau: „praktisch morgen geht es los.“ Trotz der faktischen Aufhebung des Sperrvermerks von Krenz und dem Gestammel von Schabowski scheint alles seinen geplanten Gang zu gehen ...

Dann meldet die us-amerikanische Nachrichtenagentur "AP" - für die Ehrman mal gearbeitet hat - um 19.41 Uhr überraschend: "Die sensationelle Meldung: Die DDR-Grenze zur Bundesrepublik und nach West-Berlin ist offen". Eine Meldung, die noch nicht einmal im Ansatz - theoretisch und praktisch - stimmt. Noch um 19.05 Uhr hatte AP nicht ganz falsch gemeldet: "Die DDR öffnet nach Angaben von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski ihre Grenzen. Dies sei eine Übergangsregelung bis zum Erlaß eines Reisegesetzes, sagte Schabowski". AP - "Agentur Associated Press", ist - nach Aussagen des ehemaligen US-Geheimdienst-Agenten Philip Agee - eine vom CIA unterwanderte Organisation und solle daher besser: "AssoCIAted Press" genannt werden. Die westdeutsche Nachrichtenagentur dpa zieht nur 13 Minuten später, um 19.54 Uhr, mit einer offensichtlichen Übersetzung ins Deutsche nach: "Sensation: DDR öffnet Grenzen zur Bundesrepublik und West-Berlin".

Das "Dumme" daran: Die DDR konnte zwar Reiseregelungen erlassen, wie sie wollte, aber niemals die Grenze nach Westberlin öffnen, da war das Besetzungrecht und das Vier-Mächte-Abkommen über "das betreffende Gebiet" und "Westberlin" von 1972 vor. Eine solche Grenzöffnung hätte nur durch die UdSSR in Absprache mit den anderen Siegern des 2. Weltkrieges vorgenomen werden können.

Dennoch plaziert die "Tagesschau" der BRD um 20.00 Uhr die neue Reiseregelung als Top-Thema und blendet dazu die Schlagzeile "DDR öffnet Grenze" ein. Am Ende der Nachrichtensendung hatten sich tatsächlich 80 Ostberliner an 3 Grenzübergangstellen eingefunden. Bereits hier ist eine Konzentration auf den Grenzübergang "Bornholmer Straße", im dichtbesiedelten Arbeiterbezirk "Prenzlauer Berg", zu beobachten. Um 20.16 Uhr behauptet der US-Amerikanische Rundfunksender in Berlin RIAS: "Die DDR hat ihre Grenzen zur Bundesrepublik mit sofortiger Wirkung für Westreisen und Übersiedlungen geöffnet." In der Halbzeit eines im Westfernsehen übertragenen Fußballspieles, VfB Stuttgart gegen FC Bayern München (Endstand ist dann 3:0), wurde gegen 21.08 Uhr ein ARD - Brennpunkt über die angebliche Grenzöffnung geschaltet. Zeitgleich unterbricht der Deutsche Bundestag eine Abend - Sitzung und intoniert aus Anlaß - der tatsächlich immer noch nicht stattgefundenen Grenzöffnung - das "Deutschlandlied". Die Nachrichten finden ihr Publikum: Zwischen 500 und 1.000 Menschen haben sich am Grenzübergang "Bornholmer Straße eingefunden". Um 21.20 Uhr dürfen die ersten DDR - Bürger mit Stempel auf dem Ausweisfoto an zwei Grenzübergangstellen kontrolliert die Grenze passieren. Noch immer geht alles seinen mehr oder weniger geregelten Gang .... Gegen 21.34 Uhr erklärt der US-Präsident auf einer Pressekonferenz, die Grenze sei geöffnet.

Da nach Ende des o.g. Fußballspiels noch Ausschnitte des Spiels Kaiserslautern gegen Köln gezeigt werden, beginnen 22.42 die ARD - Tagesthemen der BRD mit Verspätung. Der Moderator Hanns Joachim Friedrichs eröffnet launig mit folgenden Worten: "Guten Abend, meine Damen und Herren. Im Umgang mit Super­lativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab, aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser neunte November ist ein historischer Tag: die DDR hat mitgeteilt, daß ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind, die Tore in der Mauer stehen weit offen." Diese Meldung ist immer nicht wahr, jedoch ....

»... nach den Tagesthemen setzt ein Massenansturm auf die Grenzübergänge ein. Eine von den Medien verbreitete Fiktion ergreift die Massen - und wird dadurch zur Realität« (Chronik der Mauer). Meldung von der "Bornholmer Straße" gegen 23.28 Uhr: „Wir fluten jetzt“.

Lt. Dr. phil. Hans-Hermann Hertle waren die Medien hier "Motor der Geschichte". Nach meinem oben beschriebenen "9/11" hätte ich ausrufen sollen: "Ach, das hat das Westfernsehen daraus gemacht!" Jedoch: Wer hat den Motor angestellt und laufend mit Treibstoff versorgt?

Nichts geschieht in der Geschichte aus Zufall.

Projekt "Loch-in-der-Grenze":
Am Vormittag des 9. November 1989 läuteten die Telefone in der sowjetischen Botschaft in der DDR pausenlos: Mitarbeiter von Egon Krenz wollten eine Reaktion und Antwort der UdSSR auf die geplante Reiseregelung. In Moskau war jedoch kein Chef zu erreichen. Ein auch in der BRD nicht unbekannter Mitarbeiter im Apparat des ZK der KPdSU, Koptelzew, will dann vorgeschlagen haben: »Man sollte einfach sagen, das liege im souveränen Bereich der DDR, über das Regime ihrer Grenzen zu entscheiden.« Gegen Mittag gab der stellvertretende Außenminister Aboimow, seine Kompetenzen überschreitend, grünes Licht für diese Antwort. Koptelzew scheint sich im klaren gewesen zu sein, daß sich alle Chefs nur haben verleugnen lassen, denn er meinte später: »Und da haben sich alle Höheren mächtig gefreut!«

Als nun der Bundeswehr - Oberleutnant d. R. und damalige BILD - Korrespondent, Peter Brinkmann, o.g. Frage stellt: "Sie haben nur BRD gesagt, gilt das auch für West-Berlin?" und "WESTBERLIN" durch Schabowski bestätigt wird, zeigte sich der Erste Gesandte und Stellvertreter des sowjetischen Botschafters in der DDR Maximytschew enttäuscht, »daß "Krenz und Genossen die mit uns erzielte Absprache so verdreht" und die sowjetische Botschaft über ihre wahren Absichten getäuscht hatten." Allerdings wurde auch weiter nichts von sowjetischer Seite unternommen.

Was für eine "Absprache"?! Der DDR-Außenminister Fischer wollte nach der Ablehnung des Reisegesetzes - in Abstimmung mit dem Innenministerium und der Staatssicherheit - die ständige Ausreise aus dem Gesamtpaket herauslösen und vorab regeln. Die Besuchsreisen sollten später geregelt werden. Am Mittag des 7. November 1989 setzte er den Botschafter der UdSSR in der DDR, Kotschemassow, über die »Drohung der CSSR in Kenntnis, die Grenze zu schließen, wenn die DDR ihr Flüchtlingsproblem nicht mit eigenen Mitteln löse.« Laut dem Botschafter habe Fischer dann über die Einrichtung eines Sondergrenzüberganges für die ständige Ausreise im Süden der DDR zur BRD gesprochen (Loch in der Grenze) und hierfür die Zustimmung der sowjetischen Führung bis spätestens den 9. November erbeten. Die sowjetische Seite sei daher an jenem 9. November davon ausgegangen, daß die Anrufe zur Reiseregelung mit Fischer abgesprochen und sich lediglich auf die BRD bezogen.

Seit 9.00 Uhr dieses 9. November 1989 arbeitete nun aber o.g. 4-köpfige Arbeitsgruppe "im MfS" an einer Regelung, die am Nachmittag fertig wurde und nicht nur die ständige Ausreise, sondern auch Besuchsreisen, sowie die Ausreise über Westberlin zuließ.

Die Militärverbindungsmissionen der drei Westmächte in Potsdam zeigten sich irritiert. Der Chef der US-amerikanischen Mission erklärte, "das USA-Oberkommando würde Einwände erheben, falls Armeeangehörige der DDR Berlin (West) besuchen sollten". Am frühen Morgen des 10. November telefonierte Egon Krenz mit dem sowjetischen Botschafter Kotschemassow, der den Vorwurf erhob, die DDR sei wegen des Vier-Mächte-Status von Berlin nicht berechtigt gewesen, die Grenze zu Westberlin zu öffnen.

Putzig in diesem Zusammenhang das "Entschuldigungs-Telegramm" von Krenz an Gorbatschow vom 10. November 1989: »Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Lage in der DDR war es in den Nachtstunden notwendig zu entscheiden, die Ausreise von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik auch nach Berlin (West) zu gestatten. Größere Ansammlungen von Menschen an den Grenzübergangsstellen zu Berlin (West) forderten von uns eine kurzfristige Entscheidung. Eine Nichtzulassung der Ausreisen nach Berlin (West) hätte auch zu schwerwiegenden politischen Folgen geführt, deren Ausmaße nicht überschaubar gewesen wären. Durch diese Genehmigung werden die Grundsätze des Vierseitigen Abkommens über Berlin (West) nicht berührt; denn die Genehmigung über Ausreisen zu Verwandten gabes nach Berlin (West) schon jetzt.«

Mal abgesehen davon, daß "Krenz" überhaupt nichts in diesen Abendstunden des 9. November 1989 entschieden hat und eine unkontrollierte Grenzöffnung etwas völlig anderes als ein vereinzelter Verwandtenbesuch ist, stellt sich hier die Frage: Wer hat die unkontrollierte Öffnung der Grenze sowie die Öffnung nach Westberlin vorbereitet und erzwungen? Die Mainstream - Antworten: "das Volk" oder "die Medien als Motor der Geschichte" springen nach meiner bescheidenen Meinung deutlich zu kurz.

Am Rande:
  • Der alliierte Grenzübergang "Checkpoint Charlie" wird in jener Nacht von West nach Ost gestürmt. Und das ist spannend: Westliche Militärfahrzeuge sind in der Hauptstadt der DDR auf Erkundungsfahrt, deren freien und ungehinderten Durchlaß muß die GÜST unter allen Umständen gewährleisten. Gleichzeitig bestürmen tausende Westberliner die GÜST. Die Rollgitter mußten heruntergelassen werden, niemand kommt durch ... die 50 oder 100 Mann von der Ostseite selten hier kein Problem dar, aber was wäre passiert, wenn die Alliierten von ihrer Fahrt zurückgekommen wären? Die Öffnung der GÜST wäre zwingend gewesen, der "Checkpoint Charlie" wäre auf jeden Fall gefallen. Eine Notvariante?
  • Der Westberliner Rundfunksender "Radio 100" (aus der "alternativen Szene", mit Kontakten zur Partei der "Grünen), der der DDR-Opposition, mit Herrn Jahn aber auch Frau Bohley, eine Plattform bot, hatte bereits am 24.10.1989, 02.25 Uhr, zwei Wochen vor dem Termin (!) den Mauerfall "geprobt" und eine scheinbare DPA-Meldung verlesen:  "Berlin, 24. Oktober 1989. Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautet wurde, hat die SED-Führung in einer geheimen Sitzung die völlige Öffnung der innerdeutschen Grenze in beide Richtungen beschlossen. Der Beschluss soll auf einer Pressekonferenz heute Mittag, 12 Uhr, verkündet werden und sofort wirksam sein."
  • An der "Erstürmung der Bornholmer Straße" war wohl auch Herr Eppelmann dabei, er will sogar einen Schlagbaum mit angehoben haben. Übrigens, wer sich an dem Abend an den wichtigen Brennpunkten noch alles getummelt hat und haben will:
    • Aram Radomski, heimlicher Kameramann für die ARD seit 1988 und "legendärer" Leipzig-Filmer, will sich zum Sprecher der Massen vor der Bornholmer Straße gemacht und mit dem GÜST-Personal verhandelt haben.
    • Frau Merkel sei auf dem Rückweg von der Sauna – gegen 21 Uhr [sic!] – an der Bornholmer Straße vorbeigekommen und mit der dortigen Menschenmenge über die Grenze nach Westberlin gegangen. Irgendwann habe sie dann im Wohnzimmer einer fröhlichen Westberliner Familie gesessen: "Die wollten dann alle noch auf den Kudamm, aber ich bin lieber zurückgegangen, ich musste am nächsten Morgen früh raus."
    • Herr Brinkmann beim Stoßtrupp und Jan Carpentier, Potsdamer und bereits mit Elf99 in Leipzig, ohne sein Team vorm Brandenburger Tor. 
  • Die Besetzung und Schändung des "Brandenburger Tores" lt. Hertle - dem Symbol der Grenztruppen - sei in dieser Nacht von Westberlinern erfolgt, die über die Friedrichstraße vom Osten her vorgedrungen seien.
  • [10. November 1989, morgens, eine Arbeitsgruppe des NVR] "Plötzlich öffnete sich die Tür. Es kam ein großgewachsener, kräftiger Mann herein, den man nur selten sah. Alexander Schalck-Golodkowski, den meisten lediglich als Staatsekretär bekannt. »Big Alex« hielt eine Liste mit Vorschlägen in der Hand, wo weitere Grenzübergänge nach Westberlin geöffnet werden könnten, um den Besucherstrom besser kanalisieren zu können, wie er sagte. Ich stutzte. »Das muß doch mit den Behörden drüben abgesprochen werden.« Schalck verzog die Mundwinkel. »Es ist.« Ich weiß bis heute nicht, wann und wo und mit wem das in Westberlin beraten wurde. Daß es aber geschehen war, scheint mir unstreitig." Generaloberst Baumgarten in "Erinnerungen", Autobiographie des Chefs der Grenztruppen der DDR, 2008, S. 199, 2. korr. Auflage 2009 (Hervorhebung von mir).
  • Zwischen dem 21.08. und 17.11.1989 fanden im Rahmen der obligatorischen Herbstübungsserie der NATO - Streitkräfte weltweit 81 Übungen mit ca. 600.000 Mann statt. Im Übungsraum Europa / Atlantik / Kanal nahmen Streitkräfte mit folgendem Bestand teil: 400.000 Mann, 11.750 Gefechtsfahrzeuge, 2.920 Kampfflugzeuge, 700 Schiffe und Boote.

Der "Mauerfall" ist ebensowenig aus den Transformationsprozessen 1987 - 1991 herauszulösen, wie der "Mauerbau" aus der Berlin-Krise 1958 - 1963.

Hinweis:
Alles meine Meinung, viele Fakten aus der "Chronik des Mauerfalls". Von DDR-Seite wird die Variante "Loch in der Grenze" bestritten. Allerdings gingen vermutlich sowohl DDR- als auch SU-Vertreter von einer kontrollierten Grenzöffnung aus. Ergänzungen und Korrekturen erfolgen laufend. Das aktuelle Update ist vom 11. Februar 2021.

http://www.2plus4.de/ (offline: letzter Abruf 18.02.2011)
http://www.qrve.de/michael/dateien/Michael_Bartnik-Hausarbeit-Mauerfall.pdf (offline: letzter Abruf 18.02.2011)

Bücher:
* "Das Komplott" von Ralf Georg Reuth und Andreas Bönte