Ich habe von Uwe Behrndt einen Hinweis zum Abschuss einer RB-66 der USAF über den Territorium der DDR, nördlich von Gardelegen, erhalten. Ich möchte die Zuschrift hier vorab veröffentlichen:
Zur Vorgeschichte:
Bei Gesprächen mit Oberst a.D. Oleksandr Pawlowitsch Protopopov kam das Thema Abschuss RB-66 auf. Er war damals als Offizier der sowjetischen Streitkräfte in Zerbst stationiert und hatte während des Abschusses Dienst im Gefechtsstand. Er dachte damals nur „hoffentlich fällt die Funkverbindung nicht aus“, für die er als junger Offizier in diesem Moment verantwortlich war. Im Gespräch konnte er sich präzise an die damaligen Vorgänge erinnern und vor allem auch an die Namen, Respekt! Das Gespräch wurde von Uwe Behrndt im Januar 2018 in Kiyw geführt.
Ein wichtiges Detail ist immer noch nicht öffentlich bekannt.
Zum Text:
"Mein Schwiegervater Oлександер Павлович Протопопов, heute wohnhaft in Kyjiw (Ukraine), war im März 1964 Leutnant der Sowjetarmee und beim 35. Jagdfliegerregiment in Zerbst (DDR) stationiert. Am Tag des Abschusses hatte er Dienst im Gefechtsstand und war verantwortlich für „Cwjas i Radiolokazij“, also für die funktechnische Sicherstellung des Flugbetriebes.
Der Einsatzbefehl kam an jenem 10. März 1964 von der vorgesetzten Stelle aus Werneuchen. Er wurde umgehend umgesetzt. Der, wegen des laufenden Manövers, zufällig anwesende Divisionskommandeur der 126. Jagdfliegerdivision, Generalmajor Alexej Anastasowitsch Mikojan (sein Vater war zu der Zeit übrigens Vorsitzender des obersten Sowjets), griff im Zuge des Abfangmanövers selbst zum Mikrofon und gab den entscheidenden Befehl zum Abschuss: „Ogon na poroschenja“, was sinngemäß mit „Feuer frei, Abschießen!“ übersetzt werden kann. Mikojan fragte zuvor noch nach den Sichtbedingungen und die Identifizierung des fremden Flugzeuges ab. Antwort war „choroschaja Widimost, Zel maloi skorosti, 2 Dwigatelja“ (gute Sicht, langsames Ziel, 2 Triebwerke).
Aufgestiegen war ein Paar des 35. Jagdfliegerregimentes unter Führung des erfahrenen Staffelkommandeurs Hauptmann Sesow (Ergänzung: Der Start des Paares erfolgte zusätzlich zu der bereits laufenden Abfangaktion mit Hauptmann Sinowjew von einem anderen Flugplatz). Sesow machte als erster seine Waffen scharf und meldete dann aber nach kurzer Zeit „Priwet Oruschnikow: ne streljaet!“, also „Gruß an die Waffenleute, sie schießt nicht!“. Daraufhin musste der Geführte Hauptmann Iwannikov übernehmen, der letztendlich aus kurzer Distanz den Auftrag erfüllte und das Ziel mittig traf.
Nach der Landung wurde die Mig-19 von Sesow sofort sichergestellt und einer eingehenden Überprüfung unterzogen. Man fand aber keinen technischen Defekt und ging deshalb von einem Bedienfehler aus, auch weil der Waffenhauptschalter nach der Sicherstellung nicht auf der erwarteten Position stand. Hauptmann Sesow, der damals rund 4.000 Flugstunden hatte, wurde Flugverbot erteilt und wenig später aus der Armee entlassen. Das der erfolglose Sesow später nirgends erwähnt wird, entsprach durchaus der sowjetischen „Öffentlichkeitsarbeit“. Auch kann er sich nicht erinnern, dass bei derartigen Aktionen nur ein einzelner Abfangjäger Startbefehl erhielt, zumal immer ein Paar in Bereitschaft war. Mit Sesow gab es eine Woche nach dem Zwischenfall ein Parteiverfahren, und Wochn später mit den zusammengerufenen Piloten eine "Riesen Standpauke" - mit dem bekannten Ergebnis, dass nicht Iwannikow (und somit das 35. JFR) den feindlichen Aufklärer abgeschossen hat, sondern Sinowjew. Mikojan hatte bei dieser Aktion im Gefechtsstand so kräftig mit der Faust auf den Tisch gehauen, dass mein Schwiegervater Angst hatte, dass das Mikro und die Funkanlage ihren Geist aufgeben würden.
Der erfolgreiche Schütze Vitalij Grigorjewitsch Iwannikov wurde in der gleichen Woche zum neuen Staffelkommandeur ernannt und der Rotbannerorden verliehen. Er soll es nach Erzählungen bis zum General gebracht haben.
Es erklärt auch die Darstellung des letztlich erfolgreichen Fliegers Iwannikov, der nach eigenen Angaben erst sehr spät aus 0/4 und aus kurzer Distanz, also nicht ideal und unmittelbar hinter der RB-66, das Feuer eröffnen konnte. Das wirft dann natürlich auch ein neues Licht auf das unerwartete Treffen im 35. JFR mit dem legendären Oberkommandierenden K. A. Werschinin, als Chef der Flieger, das I. Pstygo in seinem Buch „Arbeiter am Himmel“ beschreibt. Denn irgendjemand muss nach der vorübergehenden Suspendierung die Entlassung eines verdienten Staffelkommandeurs aus der Armee angeordnet haben."
Leutnant Protopopov, 1964
Uwe Behrndt, 2020 mit Ergänzung 2026