Donnerstag, 13. Mai 2010

Wohnungs-Marktregulierung

In der DDR herrschte bekanntlich Wohnraummangel. Bekannter Grund: Billige Mieten. Das hatte - salopp formuliert - die Folge, daß jeder der mit 18 Lebensjahren ausgelernt hatte eine Wohnung haben wollte ... wenn das als Alleinstehender nicht klappte, mit 20 Jahren den Parteiaustritt androhte, mit 22 Jahren "an Erich" und mit 25 Jahren seinen Ausreiseantrag schrieb. Heute müssen die Kinder aufgrund der horrenden Mieten mit 30 Jahren aus der elterlichen Wohnung "geworfen" werden bzw. dürfen als Hartz IV - Empfänger selbige erst mit 25 Jahren verlassen.

Von dieser Misere waren im Jahr 2008 deutlich mehr als die Hälfte (55 %) aller jungen Erwachsenen in Alter zwischen 18 bis 26 betroffen. Das Statistische Bundesamt meldete für 1978 nur unbedeutend weniger ledige Frauen und Männer (53 %), die noch im Haushalt der Eltern lebten. Dafür dürfen sie sich nicht nur vom Bundesamt als "Nesthocker" beschimpfen lassen, die lieber im "Hotel Mama" wohnen würden. Natürlich sind nicht die Mieten oder die Politiker schuld, die den "Markt stabilisieren", sondern die Eltern, denn diese hätten "Angst, ihre Kinder loszulassen". Jetzt muß ich den Kakao auch noch trink^^^lesen, durch den ich gezogen werden ... es gibt allerdings noch ordentliche Recherchen an der Medien-Front:

»Nicht immer ist das Zusammenleben mit den Eltern eine freiwillige Wahl. Von 2003 bis 2009 sank der Prozentsatz der jungen Leute im Alter von 18 bis 34 Jahren, die freiwillig bei den Eltern leben, um neun Prozent. Der Verbleib im Elternhaus hängt in 40,2 Prozent der Fälle von wirtschaftlichen Faktoren und in 34 Prozent von der Notwendigkeit ab, ein Studium abzuschliessen. Zu 21 Prozent zwingen Schwierigkeiten bei der Jobsuche junge Leute zum Verbleib im "Hotel Mamma", bei 26,5 Prozent sind es Probleme mit der Wohnungssuche. « Das schreibt aber nur jemand in der Schweiz über junge Italiener :-((

Nach der (Rück-) Wende 1989 / 1990 verließen in ca. 10 Jahren im Saldo rd. 1,5 Mio. Menschen Ostdeutschland in Richtung Westen, vorrangig junge Menschen. Gleichzeitig gab es einen dramatischen Geburtenrückgang und es wurde sehr viel neuer Wohnraum geschaffen. Im Ergebnis gehe ich von einen Wohnraumüberschuß von ca. 25 Prozent aus!

Was passiert nun in einer Marktwirtschaft, wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt? Wer nun, "die Preise sinken" antwortet, hat zwar in "Politischer Bildung" aufgepaßt, den Kapitalismus aber nicht verstanden ;-)

Tatsächlich wird das Angebot reduziert, konkret das bereits vorhandene Produkt vernichtet ... natürlich staatlich gefördert. Kaum verbrämtes Ziel ist die Erhaltung des hohen Preisniveaus und Prämierung von Luxussanierungen.

So wurde im Jahr 2002 das Programm "Stadtumbau Ost" als ein Bund-Länder-Programm aufgelegt. Für den sog. "Stadtumbau" wurden innerhalb von acht Jahren insgesamt 2,5 Mrd. Euro bereitgestellt. Die Hälfte davon ist ausdrücklich für den Abriß bestimmt, mit ihren Worten im "Ersten Statusbericht": »Stabilisierung des Wohnungsmarkts durch Abriss von rund 350.000 Wohneinheiten.« Im zweiten Statusbericht heißt es dazu auf Seite 13: »Ziele des Programms sind einerseits die Stabilisierung der städtischen Wohnungsmärkte durch den Rückbau dauerhaft leer stehender Wohnungen sowie andererseits die Stärkung der Innenstädte und erhaltenwerten Stadtquartiere durch gezielte Aufwertungsmaßnahmen.« "Rückbau" und "Aufwertungsmaßnahme" klinkt auch viel besser als "Abriß" und "Luxussanierung".

Und es geht natürlich "voran": »Zu Beginn des Programms Stadtumbau Ost im Jahr 2002 standen in den neuen Bundesländern etwa 14,9 % des vorhandenen Wohnungsbestandes bzw. mehr als eine Millionen Wohnungen leer ... Inzwischen wurden im Rahmen des Programms Stadtumbau Ost rund 170.300 Wohnungen (Stand 28.02.2007) abgerissen. Wie schrieb sogar Springers "Welt" am 18.02.2007: »Ein 4,2 Milliarden Euro schwerer Fördertopf des Bundes namens "Stadtumbau Ost" offeriert Abrissprämien von 60 Euro pro Quadratmeter. Bei tatsächlichen Abrisskosten von unter 40 Euro wandelt sich Frevel in Gewinn und hat daher System. Obendrein bedeuten für die ostdeutschen Wohnungsgesellschaften weniger Altbauten auch weniger Altschulden. Die sind auf die Quadratmeterzahl des Wohnungsbestandes umgelegt und werden auf Grundlage des Altschuldenhilfegesetzes ab einer Leerstandsquote von 15 Prozent anteilig gestrichen. Weniger Häuser = weniger Schulden. Eine klassische Win-win-Situation.«

Für den Abriss weiterer fast 24.000 Wohnungen wurden Mittel aus landesspezifischen Förderprogrammen bereitgestellt. Für 150.000 der bisher abgerissenen Wohnungen wurde zusätzlich zur Stadtumbauförderung eine Altschuldenentlastung nach § 6a AHG gewährt.« Tja, da haben die fiktiven "Wohnungsbauschulden" i.H. von 28,5 Mrd. DM nicht nur einen propagandistischen Wert, sondern dienen auch der Abrißförderung ohne direkt als Betrag ausgewiesen zu werden. Im Ergebnis wird der "Abriß Ost" dem Steuerzahler weit mehr als die 1,3 Mrd. EUR kosten ... Der Bundesdeutsche Bundestag hatte weiterhin am 19. Juni 2009 die Fortsetzung des Bund-Länder Programms "Stadtumbau Ost" bis 2016 als eigenständiges Programm im Bereich der Städtebauförderung beschlossen, so sollen im Zeitraum 2010 bis 2016 mindestens weitere 200.000 bis 250.000 Wohnungen abgerissen werden, vgl.: Drs.: 16/12284 und Annahme der Vorlage (S. 25519A).

Zum Vergleich: »Erreichte die Wohnungsproduktion 1995 mit rund 540.000 Fertigstellungen in ganz Deutschland ihren Höhepunkt, ist seitdem ein kontinuierlicher Rückgang zu verzeichnen. Die Zahl der neu erstellten Wohnungen lag 2008 bei nur noch 155.820 ... Besonders vernachlässigt wird der Mietwohnungsbau inklusive der vermieteten Eigentumswohnungen. Seit 1996 ist die Zahl der fertiggestellten Wohnungen von 228.000 auf gerade einmal 40.000 zurückgegangen. Die Branchenvertreter machen das Ausmaß der strukturellen Unterversorgung deutlich: Müssten ... pro Jahr nur 0,6% des gesamten Wohnungsbestands, also 240.000 Wohneinheiten, ersetzt werden, läge die Zahl der Wohnungsfertigstellungen bereits seit 2005 weit unter dem bestandserhaltenden Niveau« Mieterecho 12/2009.

Nun droht Ungemach": Der sog. Stadtumbau könnte ab 2011 ins Stocken geraten. Gelder seien fast ausgeschöpft und die Unternehmen könnten keine Wohnungen mehr abreißen. »Die Leerstandsquote bei den 218 brandenburgischen BBU-Mitgliedsunternehmen sei im vergangenen Jahr auf 9,2 Prozent und damit erstmals seit 1998 unter die Zehn-Prozent-Marke gesunken.« Die Leerstandsquote durch Anpassung des Preises, wie in einer tatsächlichen Marktwirtschaft, zu senken kommt "niemand". Statt dessen sollen allein in Brandenburg - im unnachahmlichen "Neusprech" - »weitere 35.000 Wohnungen vom Markt genommen werden. Dafür müßte eine zusätzliche Altschuldenhilfe in Höhe von 140 Millionen Euro bereitgestellt werden«, meldet die jw.

Schon ein "geiles" System: Da werden mit meinen Geldern Wohnungen gebaut, Mieten zuletzt in ungeahnte Höhen geschraubt und privatkapitalistisch vereinnahmt, und nunmehr werden die gleichen Wohnungen mit meinem Geld abgerissen, damit ich weiter hohe Mieten zahlen "darf" ... und das reicht denen nicht einmal! Wer nun noch bedenkt, daß mit Streichung der Eigenheimzulage - erstmalig - in der BRD der Wohnungsneubau nicht mehr gefördert wird, kann sich die längerfristigen Auswirkungen auf das Mietniveau ausrechnen. Vor allen in den Ballungszentren, in die die Menschen auf der Suche nach Arbeitsplätzen ziehen, werden dann Mieten wie in London oder Paris üblich sein. Wir haben es ja nicht besser gewollt ...

Und nun "Überraschung!" oder wie es auf Neudeutsch heißt: "surprise, surprise":

»Plötzlich steigt die Miete
Fast 20 Jahre lang war Ruhe: Die Nebenkosten stiegen zwar, aber so manche Wohnung wurde sogar billiger und war für neue Mieter günstiger als für ihre Vorgänger. Jetzt schlagen die Vermieter zu, bis zu 15 Prozent mehr verlangen sie
« (FAZ vom 5. September 2010).

Die Vermieter konnten einem auch leid tun: »Tatsächlich haben die Mieten jetzt einiges an Preissteigerung nachzuholen. Seit 1993 nämlich seien die Mieten kaum gestiegen, sagt Andreas Schulten vom Marktforscher Bulwien Gesa, der die Daten für die Bundesbank erhebt. „Relativ zu den Einkommen ist Wohnen in Deutschland 17 Jahre lang billiger geworden. Da setzt nun ein Nachholeffekt ein.“« Vielen "Dank", liebe Bundesregierung ... es kommt immer "nur" darauf an, zu wem Du lieb bist.

Letztes update am 8. September 2010.

Kommentare:

  1. Der Wohnnungsneubau stagniert weiter auf niedrigem Niveau. So wurden in 2012 lediglich 2,2 Wohnungen auf 1.000 Einwohner fertiggestellt. Damit lag der hiesige Wohnungsneubau weiterhin unter dem Durchschnitt von 2,8 Fertigstellungen im sog. Euroconstruct-Gebiet (Quelle: ifo-Schnelldienst, 15/2013, S 51f).

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  2. Eine Beilage der zeitung des Bundestages widmet sich dem Thema "Wohnen":
    Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 20-21 / 12.05.2014. Erhellendes:

    - »Inzwischen zeigt sich, dass die „unsichtbare Hand des Markts“ keineswegs zu einer Verbesserung der Wohnungssituation in den Großstädten geführt hat, das heißt, die gestiegene Nachfrage hat zwar zunächst zu höheren Preisen geführt, die Generierung eines zusätzlichen Wohnungsangebots, die nach der Marktlogik eigentlich folgen müsste, scheint aber weitgehend ausgeblieben oder in Relation zur Wohnungsnachfrage unzureichend zu sein« (Björn Egner).

    - »Noch nie in der jüngsten Vergangenheit wurden mit etwa 150000 so wenige Wohnungen gebaut wie zum Ausgang des vergangenen Jahrzehnts. Insbesondere der Mietwohnungsbau ging bis Mitte der 2000er Jahre sehr stark zurück und erreichte 2009 ein sehr niedriges Niveau ... Seit 2010 findet eine Trendwende im Wohnungsneubau statt. Zunächst sehr zögerlich ... Und mit 270000 Baugenehmigungen mit Ablauf 2013 könnte der Wohnungsbau auf einem Niveau ankommen, das in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr erreicht wurde. Der Aufschwung vollzieht sich in allen Segmenten, vornehmlich freilich im Geschosswohnungsbau: Hier sind es die Eigentumswohnungen, die neben den selbstgenutzten Eigenheimen nun anscheinend am häufigsten nachgefragt werden« (Robert Kaltenbrunner , Matthias Waltersbacher; eig. Hervorhebung).

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