Dienstag, 5. April 2011

Buch zum FRR-13

„Das Fla-Raketenregiment 13, Etkar André, Parchim“
von Burghard Keuthe

Das Buch schildert die Geschichte des FRR-13, beginnend bei der Auflösung des Vorgängerregimentes „Flakregiment 15, Wolfen“ im Jahre 1961 bis zum Ende im Jahre 1990.


Zahlreiche Erlebnisberichte ehemaliger Regimentsangehöriger widerspiegeln über alle Dienstgrade hinweg den militärischen Alltag, ob im DHS, im Feldlager oder während des Gefechtsschießens. Ebenso wird auf die Politschulung und die EK-Bewegung eingegangen. Die Fla-Raketentechnik S-75 wird im Detail vorgestellt und Probleme des Gefechtseinsatzes behandelt.

Das Buch erschien im März 2011.

 
Einleitung des Buches

»Jedes Manöver und jede Übung näherte sich einmal dem Ende. Im Fla-Raketenregiment 13 war es üblich, dass der Regimentskommandeur per Wechselsprechanlage an die Gefechtsstände des Regimentes ein spezielles Signal für das Ende durchgab: „Übung beendet, Ausgangslage herstellen!„ Das war im weiteren nicht so wie im zivilen Bereich „Hammer fallen lassen„ und nach Hause gehen. Gebrauchte und bewegte Technik musste nun wieder dort abgestellt werden, wo sie hingehörte. Sie war vorher noch über die Waschrampe zu fahren und zu reinigen. Die Kfz mussten betankt und Nachweishefte geführt werden. Eine Funktionskontrolle der RLS gehörte ebenso dazu, wie die Feststellung der Vollzähligkeit der VS-Dokumente, der Bewaffnung und des Personals. Auswertung der Übung vor dem angetretenen Personalbestand, Abmarsch in den Kasernenbereich, Einteilung der 24-Stundendienste, Ablösung der Alarmwache, Waffenreinigen und dergleichen mehr. Die Herstellung der Ausgangslage zog sich mitunter noch über Stunden hin. Die Zeit, die vielleicht am nachhaltigsten in Erinnerung blieb, begann kurz vor dem Signal „Ausgangslage„. Man wusste: „Es ist vollbracht!“ Nach und nach sammelten sich die Kompaniechefs am Gefechtsstand, um sofort mit dem Erhalt des Signals die ersten Anweisungen an die Unterstellten geben zu können, ehe es zur Auswertung zum Kommandeur ging. Bis dahin herrschte, natürlich je nach erreichtem Stand der zu erfüllenden Aufgabe, eine aufgelockerte und fröhliche Atmosphäre. Zigarettenschachteln machten die Runde. Die ersten Witze wurden gerissen. Dann wertete man unter sich schon mal die eben überstandene Übung aus. Und schließlich folgte: „Weißt du noch, was X. im vorigen Jahr passiert ist?„ Eine Anekdote folgte der anderen. Man bog sich vor Lachen. Fast jeder konnte aus eigenem Erleben beitragen. Bis dann eine barsche Stimme aus der Wechselsprechanlage die lustige Runde unterbrach: „Ansiedler, Zündkerze, Starkstrom und Silomais für Tauchsieder. Die 750 an die Anlage!„ Das bedeutete übersetzt: Die Kommandeure aller vier Abteilungen sollten sich an der Wechselsprechanlage zwecks Entgegennahme weiterer Weisungen vom Regimentskommandeur melden. Das heißersehnte Signal kündete sich an.

Damals entstand die Idee, diese aus dem Leben gegriffenen Geschichten aufzuschreiben und der Nachwelt zu bewahren. Das Anfertigen privater schriftlicher Aufzeichnungen, das Führen von Tagebüchern, das Fotografieren von Technik und ähnlichem waren in der NVA jedoch verboten. Wenn auch heimlich, ließ sich dieses und jenes schon sammeln. Besonderes Augenmerk und vor allem Dank gilt heute den zahlreichen Bildautoren, die das Verbot kennend, wagemutig den Auslöseknopf ihres Fotoapparates drückten, ohne ein Agent des Westens sein zu wollen. Der „Missetat„ eines Fotografen folgten viele Tage des Bangens, ob das auch niemand bemerkte. Die Eile, die Umstände und die im Vergleich zu heute einfachere Kameratechnik begründen die zum Teil schlechte Qualität mancher Bilder.

Dass es eines Tages die NVA gar nicht mehr geben würde, kam uns damals nicht in den Sinn. Mehr als zwanzig Jahre nach der Auflösung der NVA entstand dieses Buch, welches nun die früher erlebten und erzählten Geschichten unter Hinzufügung der wenigen offiziellen, aber auch heimlich entstandenen Bilder der Öffentlichkeit zum Besten gibt. Vieles ist inzwischen der Vergessenheit anheim gefallen. Manch einer mag sich darin wiederfinden oder selbst Augenzeuge gewesen sein. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Die Erinnerung kann bei der Wiedergabe einen Streich gespielt haben. Eine Handlung bleibt nach dieser Frist den Beteiligten vollkommen unterschiedlich im Gedächtnis haften. Wichtig ist bei den Erinnerungen die militärische Komponente, das militärischen Leben, wie wir es mit all seinen Höhen und Tiefen durchlebten. Die Namen der handelnden Personen, für einige sicherlich von großem Interesse, werden verständlicherweise nicht in jedem Falle genannt. Bestimmte Themenbereiche wurden ausgeklammert. Im Mittelpunkt dieses Buches steht das Leben im FRR-13 und nicht die Verfehlungen einzelner, wie sich diese auch im Zivilen hätten ereignen können.

Ich möchte ausdrücklich betonen, dass die aufgeführten Erinnerungen nicht immer den üblichen Normalfall im täglichen Dienstbetrieb schildern. Die Erzähler hätten sie sonst mit Sicherheit nicht bis zum heutigen Tag im Gedächtnis behalten. Es war das Außergewöhnliche, der seltene Fall und nicht das Alltägliche! Das Kennen des an sich streng geregelten militärischen Tagesdienstes kann nur vorausgesetzt werden. Das mag ein Nachteil für unkundige Leser sein, würde aber bei einer ausführlichen Behandlung den Rahmen und das Anliegen dieses Buches sprengen. Um dem „nicht in der Luftverteidigung gedienten„ Leser den Einstieg zu erleichtern, stehen vor den Erinnerungen Ausführungen zur Taktik, zu den Gefechtsmöglichkeiten, zur Technik und zur Geschichte des Truppenteils.

Will ein Interessent heutigen Tages etwas über die NVA erfahren und orientiert sich anhand zeitgenössischer Literatur, Film und Fernsehen, könnte er so manches Mal die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Die in der DDR herrschenden Verhältnisse haben sich zweifellos in der NVA widergespiegelt. Die Ausübung einer Wehrpflicht als Diktatur gegenüber dem Volk zu sehen, ist weder von den Berufssoldaten, noch von der Masse der Wehrpflichtigen so empfunden worden. Die gesellschaftlichen Verhältnisse schlagen sich stets in einer Armee nieder. Das gilt auch für heutige Armeen.

Brutalität der Vorgesetzten gegenüber ihren Unterstellten, deren totale Rechtlosigkeit, dumme Offiziere, aushorchende Mitkameraden, Willkür der Befehlsgabe und miserable Lebensbedingungen - solche Behauptungen stehen ungewollt im Widerspruch zu den Einschätzungen, welche die NVA durch führende US-Militärs und durch die NATO erfuhr. Wie könnte eine Armee vom damaligen potentiellen Gegner als schlagkräftig und gefechtsbereit eingeschätzt werden, wenn sie innerlich zersetzt und verfault gewesen wäre? Der Leser kann sich anhand der aus dem Leben gegriffenen nachfolgenden Erzählungen selbst ein Bild erarbeiten. Die Geschichte der NVA ist ein Teil der deutschen Militärgeschichte. Man kann sie verleugnen, aber nicht auslöschen. Besser wäre in jedem Fall eine objektive Aufarbeitung, wozu das aus unserer Sicht geschriebene Buch beitragen soll.

Tatsächlich herrscht heute im Gegensatz zu DDR-Zeiten Meinungsfreiheit und jeder kann schreiben und Filme drehen, wie er mag. Objektivität ist dabei eine Frage der Moral und wird nicht vorausgesetzt. Wir wissen gerade aus persönlicher Erfahrung, wie es sich zutrug. Wenn wir unsere Geschichte und die daran hängenden Erinnerungen für Außenstehende und Nachfahren nicht aufschreiben, wer sollte es sonst tun? Es ist ein Unterschied, ob man sein Wissen aus Nachlässen und Akten bezieht oder aus eigenem Erleben. Das soll kein Vorwurf sein, so lange sich ein Autor redlich um Objektivität bemüht.

Wir übten, wie es in der vorliegenden Arbeit anklingt, unseren Beruf mit Hingabe aus und waren stolz auf unsere Waffengattung. Wir standen auf „Wacht für den Frieden„, schlugen uns dafür so manche nächtliche Stunde um die Ohren, wühlten uns bereitwillig durch Sand, Dreck und Nässe und ertrugen standhaft Hitze und Kälte. Unsere demonstrierte Kampfkraft mag ein Grund dafür gewesen sein, dass wir nie einen Krieg führen brauchten.

An der Erarbeitung des Inhalts dieses Buches wirkten viele Ehemalige mit. Von ihnen konnten leider nur die genannt werden, die sich mit Bild oder Text direkt beteiligten. Ihnen allen sei hiermit recht herzlich gedankt.

Burghard Keuthe«

 

Kommentare:

  1. Dieser Beitrag als Einleitung zu dem neuen Buch zum ehemaligen FRR-13 ist richtig klasse geschrieben und macht sehr neugierig auf dieses Buch, das einen Teil unseres Lebens darstellt. Auch wenn man als "W-18er" nicht unbedingt gerne dabei war, die Zeit war nicht umsonst. Man kann nur hoffen, daß heutige Schriftsteller, Filmemacher und Journalisten sich auch mal durch dieses Buch lesen und sich somit eine andere Sichtweise zur NVA aneignen ... Hubert Rauch als ehemaliger Richtfunker in Tramm.

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  2. Eine gute Einleitung. Beim lesen kommen so manche Dinge wieder hoch. Es war trotzdem eine schöne Zeit als letzter Küchenbulle in FRA 131.
    Gruß an Alle Jens Seifert (ehemaliger UFZ)

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  3. Ein hervorragendens Buch von und über Angehörige der FRT. Es ist sowohl Sachbuch als auch Spiegel der Menschen, die zur Erhaltung des Friedens in der Zeit des kalten Krieges beigetragen haben. Ich finde mich als Angehöriger dieser Waffengattung wieder, obwohl meine Dienststellen in der Südhälfte der DDR lagen.
    Sehr empfehlenswert. Ein persönliches Dankeschön an B. Keuthe für seine exzellente Geschichtsschreibung.

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