Dienstag, 18. November 2008

Najade gegen Völkerfreundschaft

Das Passagierschiff "Völkerfreundschaft" der DDR - Urlauberflotte kehrte im Frühjahr 1968 mit 499 Passagieren und der Besatzung (insg. rd. 700 Mann) aus Kuba zurück. Nicht ahnend, daß es bereits von Schiffen der Bundesmarine erwartet wurde. Auf die "Völkerfreundschaft" warteten die U-Boot-Jäger der Triton-Klasse, P 6113 "NAJADE" und P 6114 "TRITON".

Grund: Der Passagier Manfred Seumich (nach anderer Quelle: Semmich; die wahre Identität wird geheimgehalten), lt. zeitgenössischen BRD-Zeitungen: "Kraftfahrer aus Sachsen", hatte sich entschlossen, der DDR den Rücken zu kehren und bei der Passage des Fehrmarnbelt ins eiskalte Wasser zu springen. In Wirklichkeit handelte es sich um einen Ingenieur des "Wissenschaftlich Technischen Zentrums" (WTZ-18) Wolgast, der an der Entwicklung des LTS-Bootes 63.1 (Iltis) der Volksmarine maßgeblich beteiligt war, mithin ein mutmaßlicher Fall von Ausschleusung eines Spions. Es liegt allerdings im Bereich des Möglichen, daß jener Ingenieur tatsächlich gebürtiger Sachse und im Besitz einer Fahrerlaubnis war ;-)

Die Absicht, sich abzusetzen, kündigte er rechtzeitig den zuständigen Organen in der BRD an, so daß das Flottenkommando der Bundesmarine zwei Monate Zeit hatte, die Ausschleusung zusammen mit dem BND und der CIA vorzubereiten. Besonders heikel war die Operation, da bekannt war, daß sich ein Minenleg- und Räumschiff (MLR) der Volksmarine vom Typ "Krake" als Vorpostenschiff in der Nähe befand. Die Kommandanten der U-Boot-Jäger ließen daher für das unmittelbar beteilgte Personal Handfeuerwaffen klarhalten. Die Schiffe der Bundesmarine waren jeweils mit 65 Mann Besatzung, achtern einen doppelten 40-Milimeter-Geschütz und einem Arsenal aus Torpedos und Wasserbomben ausgestattet. Es wird angenommen, daß der CIA Herrn Seumich (Semmich) auf Kuba Fotos der U-Boot-Jäger sowie Seekarten und Material mit Flaggenzeichen zur Information übergab. Die Besatzung der "Najade" hatte gleich nach ihrem Auslaufen an zwei aufeinanderfolgenden Nächten "Mann über Bord" mit einer lebensgroßen Puppe geübt.

Als am 14. April 1968 die "Völkerfreundschaft" gegen 23.00 Uhr die verabredete Position erreicht hatte, gab Herr Seumich (Semmich) den wartenden Schiffen Blickzeichen und lies sich mit einem Seil aus einem Kajütenfenster etwa 15 Meter ins Wasser herab. Daraufhin nahmen die beiden U-Boot-Jäger die "Völkerfreundschaft" quasi in die Zange, sie liefen fast auf Parallelkurs. Die an Backbord befindliche "Najade" rammte mit rd. 22 Knoten - offenbar versehentlich - das Passagierschiff im Bereich der Spanten 41 bis 50 des A-Decks. Mittschiffs lagen zum Glück keine Kabinen, sondern das Schiffshospital, achtern lagen Umkleidekabinen und Sauna. Ein weiterer Glücksfall führte dazu, daß der Vorsteven des U-Boot-Jägers direkt auf einem Spant traf, was ein Eindringen in die Bordwand und damit einen größerer Schaden für Besatzung, Passagiere und Schiff verhinderte. Die an Steuerbord laufende "Triton" hatte offenbar den Auftrag, die Operation abzusichern.

Der "Najade" gelang bereits 6 Minuten nach der Kollision die Bergung des Mannes aus dem 4,8° C kalten Wasser. Der geborgene Mann wird mit etwa Mitte dreißig, mittelgroß und untersetzt beschrieben. Es kam zu keinen Handlungen des MLR - Vorpostenschiffes der Volksmarine. Die "Völkerfreundschaft" lief beschädigt in Warnemünde ein. Die "Najade" kehrte mit leichten Schäden am Vorschiff und beschädigten Ankergeschirr in den Marinehafen Kiel zurück. Manfred Seumich (Semmich) begann unverletzt seinen Aufenthalt in der BRD in einem Durchgangslager und vermutlich in den Armen der interessierten Geheimdienste. Angeblich soll er "10 Jahre später" in die DDR zurückgekehrt sein.

Das Außenministerium der DDR brachte einen offiziellen Protest gegen die Bundesregierung vor. Es bezeichnete die Handlungen des Bundesmarine als einen "Akt der Piratarie" und forderte Schadensersatz. Erst danach sah sich das Flottenkommando in Flensburg - Meierwik genötigt, den Vorfall als solchen bekanntzugeben. Darüberhinaus verhängte das Bundesministerium der Verteidigung eine Nachrichtensperre über die zuständigen Marinekommandos in Schleswig - Holstein. Die "Najade" mußte wieder auslaufen und wurde tagelang in der Geltinger Bucht verborgen. Die bundesdeutsche Presse wurde mit verharmlosenden Nachrichten alá "Geschrammter Dampfer" gefüttert. Erst Ende der 1990er wurden nähere Einzelheiten lokal der Öffentlichkeit bekanntgemacht, so im Flensburger Tageblatt vom 04.03.1998.

Der entstandene Schaden an der MS "Völkerfreundschaft" wurde vom Bundesministerium für Verteidigung beglichen. Der Kommandant der "Najade" soll 25 Jahre später dazu geäußert haben: "Die Schuld lag eindeutig bei mir. Die VÖLKERFREUNDSCHAFT zog einen ganz normalen friedlichen Kurs heimwärts, und diese Kollision muß unter Seeleuten als sehr unseemännisch gewertet werden".

Fazit: Bei "Najade gegen Völkerfreundschaft" handelt es deutlich mehr um eine "James Bond"-, als eine Republikflucht - Geschichte ... und sie war kreuzgefährlich!

Anmerkung: Da die Dokumente zu dem Zwischenfall m.W. weiterhin nicht freigegeben sind, habe ich - angeregt durch einen Gästebucheintrag bei mir - aus den unten angeführten Weblinks und Literatur die m.E. wahrscheinlichste Variante des Ablaufs zusammengetragen:
Wunderschön das Märchen, welches den bundesdeutschen Zeitungsleser aufgetischt wurde: »Die "Najade" und ein Schwesterboot, die "Triton", liefen auf einer routinemäßigen Patrouillenfahrt durch den Femarnbelt ... Von der Brücke der "Najade" aus wurden Lichtzeichen beobachtet, ... Ein schlanker [sic! :-D) Mann zwängte sich durch das Fenster und ließ sich an einer Leine so weit er konnte nach unten herunter, dann sprang er ins Meer. Das Torpedofangboot drehte sofort hart Steuerbord, um den im Wasser schwimmenden Flüchtling nicht aus den Augen zu verlieren.« "Hamburger Abendblatt" Nr. 89 vom 16.04.1968, Seite 8 (Link zum Original als PDF-Datei)

Da schießen mir doch glatt Tränen der Rührung in die Augen, wenn ich das lese ... zum Glück gibt es heute den Vortrag auf der 45. Historische Tagung der Flotte 2005 ... hoffentlich bekommt der Oberleutnant der bundesdeutschen Marine nicht noch Schwierigkeiten, ob seiner Ehrlichkeit.

Die "abgeschnittene Nase" der Najade in der Werft. Das Foto machte Obergefreiter "Kalli", der zu diesem Zeitpunkt als Rudergänger auf der "Najade" am Ruder stand. Er stellte es mir dankeswerterweise zur Verfügung, obwohl er eine etwas andere Sicht der Dinge hat:

P.S.
Die "Völkerfreundschaft" sorgte bereits 1962 international für Aufsehen: Hin und wieder läuft auf den Nachrichtensendern die Doku "Die Nervenprobe - Die Kuba-Krise 1962". Durch diese Dokumentation durfte ich erfahren, das unter den Schiffen, die Kuba nach Verhängung der "Quarantäne" (sprich: Blockade) anliefen, auch die "Völkerfreundschaft" war. Obwohl seitens der USA gedroht wurde, alle Schiffe notfalls unter Waffeneinsatz zu stoppen, drehten nur die Waffentransporter bei und die anderen, wie die "Völkerfreundschaft", fuhren weiter. Die Passagiere wußten Bescheid und einer, Willi Schäfer, machte sogar Amateuraufnahmen der US-Kriegsschiffe. Der Urlaub verlief ansonsten normal.

Nahe dem Feuerschiff am Fehmarnbelt kam es zu einem weiteren Zwischenfall am 21. Januar 1983. Das MS "Völkerfreundschaft" befand sich auf der Überfahrt von Göteborg nach Rostock und das U-Boot der Bundesmarine "U 26" auf dem Rückmarsch - von der Tauchausbildung östlich der Insel Bornholm - zum Stützpunkt Kiel, als es zur Kollision kommt. Das U-Boot fuhr im aufgetauchten Zustand und führte alle Lichter, allerdings ohne das vorgeschriebene zusätzliche Signallicht und ohne Radargerät. Wegen überkommender Gischt fuhr es zudem ohne Turmbesatzung (Seewache auf der Brücke). Ursächlich für die Kollision war das Verhalten der aufgetaucht fahrenden "U 26", welche gegenüber der "Völkerfreundschaft" ausweichpflichtig war. Der Kommandant von U 26 musste 2.000 DM Geldbuße an die DGzRS zahlen. Gegenüber der Kollision vom 14.04.1968 handelte es sich hier unstrittig um ein seemännisches Fehlverhalten.

Das Ausschleusen von DDR - Bürgern über Urlauber - Schiffe scheint ein nicht seltenes Verfahren gewesen sein. Lt. einem Artikel der Badischen Zeitung vom 31. Oktober 2009 wurde Herr Klaus Heidlinger bei seinem Sprung aus der "Fritz Heckert" am 21. Juni 1965 von "einen Onkel"^^^dem Bundesgrenzschutz unterstützt: »Ein Onkel Klaus Heidingers aus Westdeutschland half, er hatte die richtigen Verbindungen und kam zweimal nach Berlin. Bei Treffen im Ostteil der Stadt wurde alles abgesprochen. Ein Schnellboot des Bundesgrenzschutzes sollte zum vereinbarten Zeitpunkt auf Höhe eines Feuerschiffs im Fehmarnbelt warten. Der Onkel brachte auch Seekarten mit, ... Über ein Netz kletterte Heidinger in das rettende Boot, bekam Kaffee, Bundeswehrklamotten und war zufrieden.«

(letztes update: 16. Dezember 2010)

Kommentare:

  1. Ich habe mir das noch einmal durch den Kopf gehen lassen: Soviel Aufwand, so ein Risiko, soviel Geheimniskrämerei noch heute, wegen einen "Kraftfahrer aus Sachsen"?!

    Vielleicht sollte ich auf James Bond verlinken? Ein Ausschleusen eines solchen würde schon wieder Sinn machen ...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. nach einem Artikel der Bremerhavener NORDSEE-ZEITUNG soll es sich um einen "Zahnarzt aus Sachsen" gehandelt haben :-D
      http://www.forum-marinearchiv.de/smf/index.php?topic=21431.0

      Spannend ist nach diesem Artikel, dass in Kiel ungewöhnlichwerweise "Kampftaucher" an Bord gegangen seien und diese (nicht die strukturmäßige Besatzung) hätten den Ausgeschleusten aus dem Wasser gezogen.

      Ein Diskutant meint zudem, dass der Marinefernmeldebereich 70 und deren Erfassungsanlage MFmSkt 71 in Flensburg Twedter Feld die Aktion unterstützt habe und dies für ihn in der Chronik des Fernnmeldestab 70 hinreichend belegt sei.

      Löschen
  2. Ihr werdet das nie verstehen. Die Ursache für eine Flucht ist das es mit legalen Mitteln nicht möglich war.

    Jeder Mensch war es wert in Freiheit leben zu dürfen und einer Diktatur zu entkommen. Ohne wenn und aber. Ich bin froh das es Staaten gab die dabei geholfen haben.

    AntwortenLöschen
  3. @Anonym
    du wirst das nie verstehen. Hier geht es nicht einmal im Ansatz um das jeweilige Grenzregime. Andernfalls müßte ich nach der aktuellen Anzahl der Abschiebehäftlinge im Goldenen Westen fragen und Du mir schreiben, daß "rein" was gaaaanz anderes als "raus" sei :-D

    Nein, hier geht es unschwer zu erkennen, um Ermittlung / Darstellung eines konkreten, geschichtlichen Vorfalls ... mehr erst einmal nicht.

    Natürlich kann und sollte sich der geneigte Leser Gedanken um die akute Gefährdung von rd. 700 Menschenleben auf offener See machen. Ebenfalls wäre die Bereitschaft zum Schußwaffeneinsatz, in einem selbst geplanten und provozieren Zwischenfall an der Nahtstelle zweier bis an die Zähne bewaffneten Militärblöcke, beachtenswert.

    Mich würde persönlich interessieren:
    * Wer war der angebliche "Kraftfahrer aus Sachsen" wirklich?
    * Präzisierungen / Eränzungen beim Tatverlauf.
    * Wurde die Rammung eines vollbesetzten Passagierschiffes wirklich nur billigend in Kauf genommen oder war es ggf. ein vorher angedachtes Ablenkungsmanöver ("für den Notfall")?

    Bitte liebe Bundesmarine, lieber Bundesnachrichtendienst, ehrenwerte CIA: veröffentlicht bitte alle Dokumente dieses über 40 Jahre alten "Zwischenfalls", sonst kann ich "bösen Verdächtigungen" nicht wirksam entgegentreten ;-)

    Anonym, wenn du nichts zur Aufklärung beizutragen hast und nur "pöpeln" willst: Schweig stille!

    Danke :-D

    AntwortenLöschen
  4. Sehr geehrter Herr Veith,mein Vater war bei der ,,Volksmarine" und ist während der Kubakrise verarscht worden,die Bonzen der SED haben sich ein fettes Leben gemacht,haben auf die eigenen Landsleute schiessen lassen und Du redest von Gefährdung !Ich bin froh,das dieser,,Staat" aufgehört hat,zu existieren ! Diese Regierung war von Demokratie soweit entfernt wie der Nordpol vom Südpol !!!!!

    AntwortenLöschen
  5. Hallo Torsten,

    selbstverständlich war die sozialistische Demokratie der DDR ""genauso" weit von der bürgerlich - parlamentarischen Demokratie entfernt, wie von der Polis - Demokratie, vgl.: meine Meinung zum Thema

    Was das mit der Gefährdung von rd. 700 Menschenleben auf einem Urlauberschiff durch zwei Kampfschiffe der BRD-Marine zu tun hat, entzieht sich unmittelbar meiner Kenntnis.

    Übrigens, allein in den letzten 15 Jahren starben - trotz "Schengen" starben etwa 175 Menschen an den Außengrenzen der BRD ...

    ... wenn Du Fakten über die "Große Vati - Verarsche" während der Kuba - Krise hast, wäre ich an ihrer Veröffentlichung interessiert.

    Danke
    veith

    AntwortenLöschen
  6. Hallo an alle Interessierten der o.a.Veröffentlichung!
    Ich war 1968 Besatzungsmitglied der "Triton" und habe den Vorfall noch recht gut in Erinnerung.Wir mussten gemeinsam mit der "Najade" überraschend (ohne große Vorankündigung)am Ostersonntag 1968 von Kiel aus in die Ostsee auslaufen.Ein Grund wurde uns beim Auslaufen nicht genannt.Erst als wir den Seeweg 1 erreicht hatten, wurde uns mitgeteilt,dass wir Ausschau auf die "Völkerfreunschaft" halten sollten.Unser Kommandant (Name bekannt)lobte einen Kasten Bier für den aus,der zuerst die "Völkerfreundschaft" entdeckt.Dies dauerte bei schönstem Osterwetter doch länger, als wir gedacht hatten.Es war fast Mitternacht,als wir in weiter Ferne ein hell beleuchtetes Schiff ausmachen konnten.Es war die "Völkerfreundschaft",die auf der Fahrt von Kuba kommend über Stockholm nach Rostock war.Die "Völkerfreundschaft" fuhr nach meiner Erinnerung ca. 17 - 19 Knoten.Es war wohl abgesprochen,dass der Flüchtling von der "Najade" aufgenommen werden sollte.Um an die "Völkerfreundschaft" heran zu kommen, fuhren wir "AK", d.h. Höchstfahrt bei 21 Knoten.Die "Najade" befand sich auf der Bb-Seite der "Völkerfreundschaft",weil sich hier der Flüchtling abseilte.Nachdem der Flüchtling sich ins Wasser gelassen hatte, geriet er durch die aufgewühlte See (Achterwasser der "Völkerfreundschaft") vor den Bug der "Najade".Der Kommandant der "Najade" hatte keine andere Ausweichmöglichkeit, als auf das Heck der "Völkerfreundschaft" aufzufahren.An Backbordseite wurde der Flüchtling von der "Najade" aufgenommen.Kurz vor dem Auffahren auf die "Völkerfreundschaft" hatte ein Besatzungsmitglied der "Najade",der sich auf der Piek befand, noch nachgefragt, ob er den Fender noch halten solle...!Die "Najade" wurde im vorderen Piekbereich gequetscht und Farbeimer, die sich in der vorderen Last befanden, kullerten (geöffnet durch den Aufprall)über das Oberdeck.
    Auf der "Völkerfreundschaft" wurden nach dem Aufprall alle (Oberdeck-) Lichter gelöscht.Mehrere zivile Personen standen nun mit Waffen (nach meiner Meinung MP)an Oberdeck der "Völkerfreundschaft".Ob bei uns auch Waffen ausgegeben waren,kann ich nicht bestätigen, aber auch nicht ausschließen.Wir fuhren anschließend mit großer Fahrt zurück und lieferten den Flüchtling in Kiel an der Scheermole ab.Ich meine, es wartete schon ein Hubschrauber auf ihn.Wir mussten gleich wieder ablegen und fuhren in die westl. Ostsee.
    Originalton im ostdeutschen Fernsehen darauf:"Unser friedliebendes Urlauberschiff "Völkerfreundschaft" wurde heute Nacht von der revanchistischen Marine der BRD absichtlich gerammt!"
    Der Kommandant der "Najade" soll von der DDR -Gerichtsbarkeit in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden sein.
    Ich habe in der Ostsee andere Vorfälle erlebt, die eine ganz andere Brisanz hatten,als dieser Unfall.
    Ob der Kommandant der "Najade" einen seemännischen Fehler gemacht hat, mag ich nicht zu beurteilen,Fakt ist, dass der Flüchtling sonst von der "Najade" überfahren worden wäre.Ob es sich um einen "einfachen" oder "besonderen" Flüchtling gehandelt hat, ist m.E. nicht von Belang;denn wir hätten jeden Flüchtling geborgen.

    AntwortenLöschen
  7. Hallo "Besatzungsmitglied der Najade"!

    Vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich möchte nicht meine Bewunderung verhehlen, daß es der Besatzung der Najade - trotz Kollision - gelungen ist, den Ausgeschleusten innerhalb von nur 6 Minuten aus den eiskalten Wasser zu bergen. Das belegt m.E. den hohen Ausbildungsstand und die Einsatzbereitschaft der Besatzung.

    Ein paar Nachfragen habe ich:

    * Fender
    Du schreibst: "Kurz vor dem Auffahren auf die "Völkerfreundschaft" hatte ein Besatzungsmitglied der "Najade",der sich auf der Piek befand, noch nachgefragt, ob er den Fender noch halten solle...!" Was bedeutet das?

    "Fender" sind doch diese "Puffer", die beim Schiff vorm Anglegen an die Bordwand gehängt werden, damit diese nicht zerschrammt wird!? Hingen die auf See auch immer draußen? Werden diese bei - sagen wir - befürchteten "gefährlichen Annäherungen" ausgbracht?

    * Kollision
    Bestand die Gefahr nicht sowieso? Die Najade mußte doch den Ausgeschleusten backbord aufnehmen, um naheliegende "Störungen" von Seiten der Völkerfreundschaft zu verhindern!?

    * andere Vorfälle
    Du schreibst: "Ich habe in der Ostsee andere Vorfälle erlebt, die eine ganz andere Brisanz hatten,als dieser Unfall." Ich bin zwar kein Marine-Mensch, bin aber an Zwischenfällen im Kalten Krieg interessiert und wäre gern bereit Webplatz für Deine Ausführungen direkt in meinem Web zur Verfügung zu stellen.

    * Flüchtling
    Du schreibst: "wir hätten jeden Flüchtling geborgen". Hätte das auch für Nichtdeutsche gegolten? Ich denke da an die vielen Flüchtlinge, die z.Z. an den Außengrenzen der EU um ihr Lben kommen?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. "Fender" sind die "Ballons", Puffer, die bei Anlegemanövern oder ggf. erwarteten gefährlichen Annäherungen außen an der Reling hängen. Lediglich Laien (Stichwort: Charter) lassen die Fender ansonsten draußen.

      Folglich wußten die Kampfschiffe von der Gefährlichkeit ihrer Manöver und risikierten bewußt das Leben von rd. 700 Urlaubern und Besatzungsmitglieder.

      Löschen
  8. Ich erinnere mich an das damalige Geschehen, denn zu dieser Zeit war ich Steward auf der MS "Völkerfreundschaft" und dieser Passagier/Flüchtling wurde während der Reise von mir bedient. Von der Schiffsberührung mit dem westdeutschen Boot hatte ich allerdings nichts bemerkt. Doch nach dem Einlaufen in den Hafen von Warnemünde wurde ich sofort von der Stasi befragt, ob mir nichts Verdächtiges an diesem Mann aufgefallen sei bzw.ob er mir Fragen zu Position oder ähnlichem gestellt habe. Ich wurde, da ich nichts zu der Aufklährung leisten konnte bald entlassen. Da mich aber bereits ein niederträchtiger Kollege bei der Stasi der Fluchtvorbereitung bezichtigt hatte, waren meine Tage nun bei der Deutschen Seereederei endgültig gezählt. Nur wer in einer Diktatur gelebt hat, weiss, dass man keine auch noch so absonderliche Möglichkeit der Flucht unbedacht läßt, so dass ich diesen Fall für mich nichts mysteriöses hat, eben eine schlichte und erfolgreiche Flucht. Als ich mich nach Jahren, nun jedoch als Passagier, um eine Reise nach Kuba bewarb, um wieder mal etwas Seeluft in der Nase zu haben, wurde mir zwar vom FDGB eine solche zugesagt, aber später von MfS wieder gestrichen. Das war schon ein feines Regime.

    AntwortenLöschen
  9. SPON: »»Rund 300.000 Menschen schickte die DDR zwischen 1960 und 1990 mit dem Hochseedampfer "Fritz Heckert" und zwei weiteren Kreuzfahrtschiffen in die Ferien. ... Dennoch gelang mehr als 200 Besatzungsmitgliedern und Passagieren die Flucht. Immer wieder sprangen Wagemutige bei Fehmarn über Bord, um sich von Booten des Bundesgrenzschutzes aus der Ostsee fischen zu lassen ... Vor allem junge, alleinstehende Männer wagten den Sprung über die Reling.«
    http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/2410/traumschiff_zum_abtauchen.html

    Nun ja, den mutmaßlichen Spion Manfred Seumich / Semmich als Mittdreißiger noch als "jung" zu bezeichnen ... war er wenigstens "ledig" ... aber das Hamburger Abendblatt machte aus "untersetzt" auch schon mal "schlank" :D

    Da wurden also max. 0,067 Prozent der Passagiere (da ohne Besatzung aber mit Herrn Seumich / Semmich) republikflüchtig, aber die zwei Kollisionen mit der Bundesmarine der BRD sind dem "Spiegel" nicht der Erwähnung wert ... ja, ist denn schon wieder Klassenkampf?!

    Basieren die Spiegel-"Fakten" wohl auf dem "Historiker Andreas Stirn promoviert über Seereisen in der DDR. Er wird von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert."

    AntwortenLöschen
  10. "Der sogenannte Historiker Andreas Stirn ist ein Geschichtsverklärer und hat sein einseitiges Wissen nur aus Akten -Zeitzeugen
    sind unerwünscht."Wird so die DDR aufgearbeitet??Seine Dipl.und Doktorarbeit nach
    über 10jährigen Studium ist viel Papier und wenig fachliches Wissen.

    AntwortenLöschen
  11. Kubakrise 1962

    "Obwohl die Lage also sehr angespannt war und die Gefahr eines Krieges bestand, gab es im Notstandskabinett ExComm am folgenden Tag, dem 25. Oktober, eine ausführliche Diskussion über ein Passagierschiff der DDR, die »Völkerfreundschaft«, das sich mit 500 Touristen auf dem Weg nach Havanna der Blockadefront der Kriegsschiffe näherte. Schon die unvollständige Wiedergabe der langen und lebhaften Debatte nimmt in dem Buch »The Kennedy Tapes« über die faszinierenden Tonbandprotokolle des US-Präsidenten sechs eng beschriebene Seiten ein. Verteidigungsminister McNamara berichtete, das Schiff sei am 11. Oktober in Rostock gestartet, habe »1500 (sic!) Industriearbeiter« an Bord sowie 25 ostdeutsche Studenten und werde vom US-Zerstörer Pierce begleitet. Für McNamara ergaben sich viele Fragen, darunter: »Sollen wir es anhalten und einer Inspektion unterwerfen? Wenn es nicht anhält, sollen wir es passieren lassen, ohne es zum Halten zu zwingen, oder sollen wir es zwingen? Und wenn wir gezwungen sind, es anzuhalten, sollen wir dann feuern (…)? Wenn wir schießen, das Schiff mit 1500 Passagieren beschädigen und wir finden keine verbotene Ladung, haben wir dann nicht unsere Position geschwächt?«

    Fast jeder in der Runde hatte etwas zur »Völkerfreundschaft« zu sagen. Justizminister Robert Kennedy gab zu bedenken, ein unkontrolliertes Passierenlassen des DDR-Schiffs könnte den USA als Schwäche ausgelegt werden. Einer warf die Frage auf, ob nicht Raketentechniker an Bord seien. Darauf fragte Kennedys Chefberater Ted Sorensen: »Wie kann man einen Raketen-Techniker von einem Landwirtschaftstechniker unterscheiden?« Der Präsident meinte, der einzige Grund, die »Völkerfreundschaft« zu kontrollieren, sei der, »daß wir früher oder später beweisen müssen, daß die Blockade funktioniert«. Außenminister Dean Rusk warnte, wenn die »Völkerfreundschaft« beschossen werde und dann vielleicht sogar mit 1500 Leuten sinke, »dann sind wir in einer wenig beneidenswerten Lage«. Schließlich erinnerte John F. Kennedy daran, daß für den nächsten Morgen Verhandlungen mit UN-Generalsekretär U Thant geplant seien und ordnete an: »Morgen wollen wir das Schiff nicht versenken. Ich denke, wir können es passieren lassen.« Zuvor hatte CIA-Chef McCone ärgerlich berichtet, daß der sowjetische Tanker »Bukarest«, der von der Blockade nicht betroffen war, im Hafen von Havanna bejubelt und gefeiert wurde.

    Erstaunlich ist: Auch nach 50 Jahren sind zwei Zeilen vom Verteidigungsminister und fünf Zeilen der Äußerungen vom Generalstabschef und dem CIA-Chef über die Vorgehensweise gegen das DDR-Schiff – insgesamt eine Minute und 22 Sekunden Bandmitschnitt – immer noch nicht freigegeben worden. Was mögen die drei ExComm-Mitglieder damals vorgeschlagen haben? Was soll heute noch verborgen bleiben?"
    http://www.jungewelt.de/2012/10-16/043.php

    AntwortenLöschen